Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 17 (1868)
- Issue
- Heft 11
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1868-01-01
- Page
- Seite 430 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2829132-2829360-2829372-2863993--11662-2864039- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
430 Recensionen und Anzeigen. entbehrten, zu berichtigen und durch eine nochmalige und genauere Revision der Acten die oft verletzte historische Gerechtigkeit wieder herzustellen. Dass ein solches Bestreben jedoch gereizt durch den Gegensatz, in welchen es sich mit der bergebrachten Meinung befindet, zumeist der Gefahr ausgesetzt ist, in Uebertreibung und Paradoxie auszuarten, ist eine in unserer Zeit der ״Rettungen“ oft gemachte Erfahrung. Es bedarf daher in den meisten Fällen erst einer dritten vermittelnden Ansicht, welche mit Vermeidung beider Extreme Lob und Tadel auf ihr richtiges Maass zurückzuführen und ein nach allen Seiten hin gerechtes und befriedigendes Endurtheil abzugeben im Stande ist. Dass jedoch eine von so verschiedenen Standpunkten ausgehende Beurtheilurfg sich nur an solche Ereignisse und Personlichkeiten knüpft, welche dem geschichtlichen Beobachter von ganz besonderer Bedeutung und eigenthümlichen Interesse zu sein scheinen, liegt in der Natur der Sache. Diesem Wechsel vollen Schicksale nun mussten auch die Schriften Moses Mendelssohn'8 unterliegen. Während sie bis an das Ende des vorigen Jahrhunderts nicht nur allgemein hochgeschätzt und gerühmt wurden, sondern sogar unter den vorzüglichsten Erzeugnissen des deutschen Geistes eine der ehrenvollsten Stellen angewiesen erhielten, sind sie seit der weiteren Verbreitung und Entwickelung der kritischen Philosophie in ungebührlicher Weise herabgesetzt und vernachlässigt worden. Die Fortschritte, welche man seither in der deutschen Philosophie offenbar gemacht hatte, und durch welche die Leibnitz־ WolfFsche Philosophie allerdings überwunden worden war, gaben die Veranlassung, dass man die Vertreter der sogenannten Popularphilosophie mit ungemeiner Geringschätzung behandelte und sie in Bausch und Bogen verurtheilte. Da man sich um die Verschiedenheit der einzelnen Individualitäten nicht viel bekümmerte, so stand man nicht an, ein Urtheil, das vielleicht auf einen Nicolai noch anwendbar war, auch auf Mendelssohn auszudehnen. Eine Folge dieser oberflächlichen und obenhin ur-!heilenden Betrachtungsweise ist es z. B., wenn Hegel (Vorles. über d. Gesch. d. Philos. Bd. 111. pag. 537) auf den seltsamen Einfall geräth, Mendelssohn eine so unbegrenzte Eitelkeit zur Last zu legen, dass er sich für den grössten Philosophen gehalten habe und Niemanden neben sich habe wollen auf kommen