Mannheim
Compact Memory

Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1868-01-01 · Heft 6 · p. Seite 223

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
17 (1868)
Issue
Heft 6
Article
Voltaire und die Juden
Date
1868-01-01
Page
Seite 223 (sequence 23)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2829132-2829360-2829367-2863634--11353-2863678
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Voltaire und die Juden. 223 der gelehrte Professor (der sich als Jude vermummt hat) sich oft heiliger Waffen bedient, gegen welche ich keinen Schild habe, noch haben will." Neues konnte der damals achtzigjährige Voltaire nicht mehr Vorbringen, er wiederholte nur seine schalen und unfläthigen Witze in Betreff biblischer Persönlichkeiten. Dasselbe that er unter dem eigenen Namen in einem Artikel, den er zum Stichwort ״Juden" im Dictionnaire philosophique zur selben Zeit hinzufügte (Section IV.). In dieser Partie wiederholte er auch hin und wieder seine Anschuldigungen gegen die Juden: ״Ich habe einmal gesagt, dass einige Beschnittene in Metz, Frankfurt a./O. und Warschau Münzen beschnitten haben (ich erinnere mich dessen nicht mehr genau). Ich bitte sie darum um Verzeihung; denn da ich nahe daran bin, meine Pilgerfahrt zu beschliessen, will ich mich mit Israel nicht Überwerfen." Die Judenheit hat Voltaire viel zu danken; er hat ihr wesentliche Dienste geleistet, nicht dadurch, dass er überhaupt für die Duldung deklamirt hat, sondern dadurch dass er im Widerspruche mit seiner als Princip proklamirten Parole die Juden mit cynischer Herzlosigkeit behandelte. Er hat ihnen damit zwar hin und wieder neue Feinde auf den Hals gehetzt, wie jenen Pamphletisten vom Eisass, der wiederum eine Verfolgung gegen sie in Scene setzte. Aber er hat ihnen auch Freunde geworben, den Priester Gregoir e und Mirabeau, zwei Namen, die in der Geschichte der Menschheit und in der Geschichte der Juden einen angenehmen Klang haben. Warum sollen wir uns noch geniren es auszusprechen? An dem Verhalten zu den Juden kann man die Ehrlichkeit der Freiheitsapostel und Philosophen ganz genau prüfen. Mirabeau war ohne^Zweifel aufrichtig für die politische Freiheit erglüht, so fehr man ihn auch der Corruption beschuldigte; denn er hat für die Juden aus freier Regung warm geschrieben und gesprochen. Voltaire dagegen kann es nicht redlich mit seinen Tiraden von Freiheit und Toleranz gemeint haben, weil er die öffentliche Meinung gegen die, welche am meisten der Duldung bedürftig waren, gehetzt hat.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.