Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 17 (1868)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Über die Abschaffung der Todesstrafe vom Mosaisch-talmudischen Standpunkte
- Date
- 1868-01-01
- Page
- Seite 87 (sequence 1)
- Language
- German
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Ueher die Abschaffung der Todesstrafe. 87 Heber die Abschaffung der Todesstrafe vom mosaisch-talmudischen Standpunkte. Das heiligste aller Bücher, die Bibel, bat unstreitig auch das eigenthümlichste Schicksal von allen erfahren. Oder ist es etwa nicht ein ganz besonderes Schicksal dieses Buches, dass seit Jahrtausenden seine Aussprüche citirt werden einerseits zur Empfehlung alles Guten und Edelen, zur Förderung friedfertiger, liebevoller Gesinnun gen, und andererseits zur Erregung von Hass und Streit, zur Rechtfertigung von Grausamkeiten und Gewaltthaten aller Art, zur Unterdrückung von Recht und Freiheit? Mit der Bibel in der Hand treten die Vorkämpfer wahren Fortschrittes kühnen Muthes den lichtscheuen Bestrebungen ihrer Feinde entgegen, und mit dem Hinweise auf dieselbe Bibel wird der nur zu oft vom Erfolge gekrönte Versuch gemacht, jeden Fortschritt zu hemmen, sich der Einführung gerechter und heilsamer Zustände zu widersetzen, der Aufrechterhaltung veralteter und verderblicher Einrichtungen Vorschub zu leisten. Wenn wir den Grund dieser seltsamen Erscheinungen zu erforschen uns bemühen, so dürften wir ihn — abgesehen von den Fällen, in welchen Böswilligkeit und Unehrlichkeit einzelne Verse aus der heiligen Schrift absichtlich ihrem Zusammenhange entreisst und ihnen dadurch einen unrichtigen Sinn unterschiebt — vorzugsweise in dem Umstande finden, dass man theils aus Unkenntniss, theils aus einer falschen Pietät viele in der Bibel unter bestimmten VoraasseSzungen und für bestimmte Verhältnisse erlassene Vorschriften und Anordnungen ohne Weiteres auf unsere völlig veränderten, ja oftmals geradezu entgegengesetzten Zustände anwenden zu können vermeint. Dies gilt in ganz besonders hohem Grade von allen in das Gebiet der Politik und des öffentlichen Rechtes einschläglichen Bestimmungen der heiligen Schrift, und es heisst geradezu die Bibel in den Augen des Volkes herabwürdigen, wenn man, wie es noch jetzt in den meisten Staaten Europas von dermaler