Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 16 (1867)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Don Balthasar Isaak Orobio de Castro
- Date
- 1867-01-01
- Page
- Seite 322 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/2829132-2829346-2829356-2863081--10786-2863104- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
322 Don Balthasar Isaak Orobio de Castro. gelehrte, die talmudische Commentarien schreiben. Das siebenzehnte Jahrhundert, welches den unglücklichen Morranen eine Freiheitsstätte in Holland eröffnete, ist reich an solchen Metamorphosen. Dabei ist neben der Glaubens״ Zähigkeit der Morranen ihre Geisteskraft zu bewundern, wie sie sich in der allerkürzesten Zeit in die hebräische Literatur einlebten und sie sich zu eigen machten. Ein Knabe, der in Portugal oder Spanien nächst der Landesspräche nur Kirchenlitaneien kannte, versificirt im siebzehnten Lebensjahre ein hebräisches Drama (Tolica Joseph Panso de la Yega). Einer der bedeutendsten unter den metamorphosirten Morranen war Orobio de Castro (geb. in Bragan§a um 1620, st. 1687). So wenig wir auch von seinen Wandlungen wissen, über welche vielleicht seine Processacten im Inquisitionsarchiv von Sevilla einst Aufschluss geben werden, so spannen sie doch unsere Aufmerksamkeit. Es war ein ganzer Mann, ein klarer Kopf, ein begeisterte!׳ Anhänger des Judenthums und ein Gegner des Christenthums. Hätte die Inquisition in dem jungen Balthasar diesen gewaltigen Polemiker auch nur geahnt, so hätte sie ihn wahrscheinlich in der Wiege erstickt. Doch vielleicht hat sie selbst ihn zum erbitterten Gegner des Christenthums erzogen. — Er stammte von morranischen Eltern, die vom Judenthume nur noch eine einzige Reminiscenz behalten hatten. Sie feierten in Sevilla, wohin sie von Bragan§a verzogen waren, alljährlich still den jüdischen Versöhnungstag, d. h. sie pflegten sich an diesem Tage der Speisen und des Trankes zu enthalten. Welche fromme List mussten sie und andere dem Judenthume, wenn auch nur an einem dünnen Faden anhangenden Morranen gebrauchen, um sich nicht bei ihrer Umgebung, ihren Domestiken, oder Bekannten zu verrathen. Selbst vor ihren eigenen Kindern hielten sie gewöhnlich ihre jüdischen Bräuche geheim, denn die Indiscretion der Jugend konnte sie durch ein Wort auf den Scheiterhaufen bringen. Nur ihren reifen und willensstarken Söhnen und Töchtern pflegten sich morranische Eitern im geheimsten Winkel des Hauses zu offenbaren