Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 16 (1867)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Zur Lage der Juden in Galizien
- Date
- 1867-01-01
- Page
- Seite 215 (sequence 15)
- Language
- German
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Zur Lage der Juden in Galizien. 215 wie es wirklich vorkommt, zwei und mehrere Familien in einer und derselben Stube beisammenwohnen, wie will man da Reinlichkeit verlangen? Die den Juden vorgeworfene Unfläthigkeit müsste daher auf Seite der Regierung viel eher einen Grund für die Auflassung des Judenbezirkes, als für das Gegentheil bieten. Was noch überall geschah, wo man die finstern und schmutzigen Ghettos aufhob, wird sich auch in Lemberg, wenngleich vielleicht langsamer, vollziehen. Die Juden werden in ihrer Vermengung mit den Christen von den Sitten der letztem anziehen, und was nicht diese Anziehungs־ kraft vermag, wird durch strengere Massregeln der Reinlichkeits- und Sittlichkeits ־ Polizei um so ungehinderter effectuirt werden können, wenn der Handhabung solcher Massregeln nicht mehr die Einwendung entgegengesetzt werden kann, dass die zu beseitigenden Heb eistände ein Product der vom Gesetz angeordneten Einpferehung seien. Dies war die Ansicht der bestandenen Hofkanzlei im Jahre 1836, und diese scheint die richtige zu sein. Was den zweiten Grund betrifft, so scheint derselbe doch zu weit hergeholt zu sein, wenn man erwägt, dass der weitaus grössere Theil der jüdischen Bevölkerung in Lemberg arm ist und daher bei der Concurrenz um schönere und bessere Wohnungen nicht in Anschlag gebracht werden kann. Wäre die gehegte Besorgniss gegründet, so würde die christliche Bevölkerung einem Kranken gleichen, dem ohnedies nicht mehr zu helfen ist. Der Unterzeichnete würde sich daher für die Auflassung des Judenbezirkes umsomehr aus sprechen, als jenes, was die Minorität der Statthalterschaft und die Polizeidirection zu Gunsten dieser Massregel vom Standpunkte der politischen Opportunität anführen, sehr rück־ sichtswürdig zu sein scheint. Wer übrigens für die Vermehrung der jüdischen Bevölkerung nicht eingenommen ist, muss die Auflassung des Judenbezirkes viel eher wünschen, als perhorresciren;