Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 16 (1867)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die jüdische Religionsphilosophie über die Anthropomorphismen der Bibel
- Date
- 1867-01-01
- Page
- Seite 102 (sequence 3)
- Language
- German
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102 Die. jüdische Religionsphilosophie etc. Tauchte doch jetzt erst die Alles umnachtende Kabbala auf — die Kabbala, die, wie seiner Zeit der Karäismus, eine Art Reaction gegen den Talmudismus bilden wollte, und zu diesem Zwecke, ganz so wie eben das Karäerthum, mit allerhand unjüdischen Elementen sich durchdrang. Solch ein unjüdisches Element war nun auch die neue Methode der Schrifterklärung. Diese Methode bestand darin, wie Dr. Grätz**) sehr triftig nachwies, die Anthropomorphismen der Schrift und Hagada womöglich buchstäblich und dennoch annehinbar zu deuten, und zwar dadurch, dass man zwischen Gott and Welt eine zweite von Gott emanirte Potenz schob. Diese, sagte man, erscheine unter Menschengestalt und von ihr heisse es: Wir wollen einen Menschen in unserm Ebenbilde schaffen, auf diese seien überhaupt alle vermenschlichenden Ausdrücke in der Schrift zu beziehen. Der Leser dürfte sich jedoch hier erinnern, dass diese Weise der Schrifterklärung nicht einmal die Originalität für sich hat. Wurde doch, wie wir oben nachgewiesen, derselbe Weg schon von Benjamin Nahawendi eingeschlagen. Und auch dieser war keineswegs der Schöpfer dieser Methode, sondern hatte dieselbe islamitischen Theologen entlehnt. So bemerkt Scharastani ausdrücklich zu diesem Verfahren Nahawendi’s: ״Das ist dasselbe, wie wenn im Koran das Gehen und Kommen von dem Kommen eines Engels verstanden wird3).“ Ebenso berichtet derselbe von einigen Lehrern der Mutazila, dass sie ״Alles, was in der Ueberlieferung von einem Schauen des Schöpfers vorkommt, z. B. den Ausspruch des Propheten: Gewiss, ihr werdet euern Herrn schauen, wie ihr den Mond in der Nacht des Vollmonds sehet, von dem Schauen der ״ersten Vernunft“ erklärten, welche das erste Geschöpf und die schaffende Vernunft sei, von welcher die Gestalten für die andern existirenden Dinge ausgegangen seien4).“ 3) 6. Geschichte VII., Note 3, S. 445. י) A. &, 0. Th. I., 257. *) Das. S. 64.