Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 16 (1867)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Eon Blick auf die Juden in Galizien
- Date
- 1867-01-01
- Page
- Seite 82 (sequence 2)
- Language
- German
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82 Ein Blick - auf die Juden in Galizien. schleckt verhüllenden Anklagen nicht irrifciren lassen. Was man von dieser nationalen Fahne zu erwarten hat, beweist der jetzige Lemberger Landtag, aus dessen Verhandlangen Gemeindestatuten hervorgegangen, die aller Humanität in's Gesicht schlagen, die sich einer unter gebildeten Nationen des 19. Jahrhunderts wohl unerhörten Intoleranz rühmen können und auch der Regierung zu arg erscheinen und darum noch der Bestätigung entbehren; der Lemberger Landtag, in welchem erst neuerdings der freilich von einem Juden gestellte Antrag: den zu constituirenden galizischen Unterrichtsrath durch Hinzuziehung eines jüdischen Mitgliedes zu verstärken, mit einer fast an Einstimmigkeit grenzenden Majorität verworfen wurde. Das ist deutlich genug. Kaum glauben die Polen die Morgenrötlie ihrer Freiheit heranbrechen zu sehen, und schon zeigen sie uns die mittelalterlich Nacht, in die sie hineingehören und die sie uns bringen möchten; allzu eilig, ganz nach Art dieser vorschnellen Naturen, verrathen sie, wessen wir uns bei ihnen zu versehen haben, wenn sie zur Macht gelangen und wenn die jüdischen Interessen in ihre Hand gelegt und von ihrer Gnade abhängig gemacht werden. Darum lasse man sich von jener falchen Entrüstung über ״das Haschen nach Regierungsgunst“ und Aehnliches nicht beirren. ״Wess Brot ich esse, dess Lied ich singe.“ Die Befolgung dieses Sprichwortes mag vielleicht in Bezug auf den Einzelnen von nur problematischer Moral sein, für eine Gesammfclieit, für ein Volk ist sie ohne Zweifel ein Existenzsache. Wie oft soll es wiederholt werden! Die Juden verfolgen keinerlei Sonderinteressen, kennen keinerlei Sonderbestrebungen, verlangen keinerlei Ausnahmestellung. Ihr Besonderes, das ist ihre Religion, die Niemanden beeinträchtigt, aber auch von Niemandem beeinträchtigt werden will. Sie verlangen gleiche Pflichten, aber auch gleiche Rechte. Autochthonen sind sie freilich nirgends, aber sind sie etwa darum Paradiesvögel, von denen die Sage erzählt, sie nisten, leben und sterben in der Luft?