Mannheim
Compact Memory

Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1867-01-01 · Heft 2 · p. Seite 51

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
16 (1867)
Issue
Heft 2
Article
Ein Blick auf die Juden in Galizien
Date
1867-01-01
Page
Seite 51 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2829132-2829346-2829349-2862596--10392-2862632
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Eia Blick auf die Jaden* in Galiziern״ s 51 liehen Anlagen entspricht auch die verschiedene Weise ihrer politischen Bestrebungen, wenn man von solchen /überhaupt bei den dortigen Juden sprechen kann. Der Slave strebt, wie überall, so auch in Galizien, nach einer Sonder-, nach einer Ausnahmestellung im Staate. Wenn auch für eine Weile seine Ohnmacht fühlend, erwacht er bei jeder Bewegung, die draussen entsteht, und er erhebt sich und blickt um sich, und sobald sich ihm in der äugenblicldichen Weltlage günstige Chancen zeigen, erhebt er von Neuem seine nur vertagten Ansprüche. Der Jude verlangt nur sein Recht, nur das ihm Zukommende, und doch auch damit ist zu viel gesagt, denn er verlangt es nicht einmal, trotzdem es ihm entzogen ward. Man hat ihm systematisch das Interesse für die Weltereignisse, das Gefühl für sein Recht ausgetrieben; ja der echte polnische Jude hat sich in seine Stellung, in sein Jammerleben mit einer Behaglichkeit hineingelebt, dass er sich schwer und ungern daraus befreien lassen würde. .,Sie hören nicht auf den befreienden Moses vor Kürze des Athems und schwerer Arbeit.“ Sie sind eben — der Ausdruck ist hart, aber gerecht — unmündig, unmündig in politischer wie in intellectueller Beziehung. Und dazu fehlt ihnen noch der Vormund, der sie unter seine Obhut nehme, der vor Allem für ihre Bildung und damit für ihr staatsbürgerliches Bewusstsein sorge. Beides zu bringen vermag dort nur der Staat, beides liegt in seiner Hand. Er versuche es nur, sich dieser vernachlässigten Kinder warm anzunehmen, ihnen eine sorgsame Erziehung angedeihen zu lassen, und es kann nicht fehlen, dass ein solches Unternehmen von überaus erfreuliehen, für den Staat selber höchst erspriesslichen Folgen gekrönt werde. Wir halten nun einmal die Erziehung des Staates für eine bedeutsamere uud erfolgreichere als die Er- Ziehung des Hauses. Man komme uns nicht mit jener sittlichen Entrüstung, die unter dem Stichworte ״Bevormundung“ jede staatliche Einmischung perhorrescirt und für absolut gefährlich ausgibt. Wir könnten höchstens für Deutschland (obgleich auch dieses zu der hohen Stufe,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.