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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1865-01-01 · Heft 9 · p. Seite 350

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
14 (1865)
Issue
Heft 9
Article
Ein Mortarafall in Castilien
Date
1865-01-01
Page
Seite 350 (sequence 2)
Language
German
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ZM ־ ׳ Analekten. 'v'; Raub der beiden Judeuknaben, wenigstens des einen, unmöglich umgehen. Wie haben die Zeiten sich doch geändert! Vor etwa 400 Jahren (c. 1465) ereignete sich in Castilien ein ähnlicher Fall, der nicht minder drastisch ist, als der Raub Mortara’s und Coen’s — kein Blatt selbst in der jüdischen Geschichte hat ihn verzeichnet; eine vergilbte Handschrift weist erst jetzt fast nach einem halben Jahrtausend darauf hin, dass eine solche Grau elthat auch damals geschehen sei. Ein Mann, Namens Joseph1) aus Navarra, der sich zeitweilig in S. Cruce in Castilien aufhielt, hatte einen Knaben; er war schön von Gestalt und mit vorzüglichen Anlagen begabt. Das Kind war fünf Jahr alt — es ״streckte bereits seine Hand nach Lehre und Zeugniss", da kamen die Häuptlinge einer Räuberbande und entrissen es am hellen Tage dem armen Vater. Sie liessen den Knaben alsbald taufen und führten ihn mit sich auf ihren Zögen. Lange trauerte der Vater um den ihm entrissenen Sohn, er ging und weinte und flehte bei den Grossen des Landes um Hülfe, sein Kind zu suchen, die ״Seele seines Kindes vom Tode zu retten". Viele Jahre hatte er ״nicht Glück, nicht Ruhe, nicht Rast" — bis er endlich sein Kind wiederfand und es mit allem seinem Besitze wieder auslöste; er gab um ihn sein Silber, sein Gold, sein ganzes ״Vermögen, Alles, was man von ihm verlangte, er brachte ihn nach einer Gemeinde Aragoniens und führte den Sohn dem Judenthum wieder zu. Wie haben die Zeiten sich doch geändert! Vor 400 Jahren, also im Mittelalter, befahl auf blosses Verwenden eines tiefgebeugten Vaters ein castilianischer König (Heinrich IV.) durch ein mit königlichem Siegel versehenes Decret, dass Niemand dem Vater und seinem Kinde ein Leids anthue — in unserer vielgepriesenen Zeit entspinnt sich zwischen den Grossmächten Europa'8 und einem machtlosen Kirchenfürsten ein Notenwechsel um die Herausgabe eines gewaltsam getauften Judenknaben, das persönliche Verwenden bedeutender, einfluss- נ) Der Name des Vaters ergibt sich aus mehreren Andeutungen im Texte.

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