Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 12 (1863)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Jüdische Dramen der Gegenwart [Rezension]
- Date
- 1863-01-01
- Page
- Seite 89 (sequence 9)
- Language
- German
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81) der Gegenwart. sei wenigstens die Einheit gewahrt. Aber auch hierüber gelien uns die Augen aut‘, sobald der geschürzte Knoten sich zu lösen beginnt. Dieselben Juden, die im ersten Acte noch in einem hinreissenden Gebete um die Erbauung׳ Zions und um die Wiederbelebung des jüdischen Volkes liehen, — stehen jetzt nicht an, augenblicklich ihre jüdische Nationalität im Strome der Vergessenheit zu begraben und sich jubelnd der französischen Revolution in die Arme zu werten, -- denn nienuiml anders uls diese ist ja zuletzt der Deus ex machina, der sich rettend in's Mittel .!egt. Was aber das Slörendste ist, — dieser Mangel an Einheit hat sich nicht unwillkürlich und wie von selber in die Dichtung eingeschlichen, — nein, der Dichter hat sie mit eigener Hand zerrissen, er hat diesen Mangel hervorgerufen und hineingetragen, —ja, er scheint ihn noch betonen zu wollen. Die Anlage des Stuckes ist nämlich so, dass Anfang und'Ende in zwei lyrischen oder melodramatischen Partien gipfeln, die ungefähr die Stelle des Chors in der alten Tragödie vertreten sollen: der erste Gesang besteht aus der bereits berührten, durchweg gelungenen Bearbeitung einer Zion ule, und den Schlussclior bildet — eine deutsche Marseillaise. Daher suchen wir vergebens nach Handlung und Leben im Grossen und Ganzen, und nach Klarheit und Frische der Durchführung’ im Einzelnen; den Charakteren — dem Helden in erster Reihe — fehlt es fast durchgehends. an Saft und Kraft. Nur der alte Vater (Masse) und der Inquisitor machen hiervon eine rühmliche Ausnähme; die patriarchalische Gläubigkeit und Biederkeit des Einen und die priesterliche Beschränktheit und Niedertmeht des Anderen sind treu und treffend dargestellt. Wir verkennen nicht den idealen, echt poetischen Geist, der das ganze Stück durchzieht, den zarten Sinn, mit dem besonders das Familienleben, dieses antike Kleinod des jüdischen Volkes, gezeichnet ist, und die Spraehmeisterschaft, mit der einzelne Theile der Dichtung ausgearbeitet sind. Mari lese z. B. das Trauergebet, das die Juden in der Synagoge zu Gott emporschicken (Act 1, Auftr^4):