Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 11 (1862)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Dr. Bernhard Beer
- Date
- 1862-01-01
- Page
- Seite 412 (sequence 8)
- Language
- German
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412 Dr. Bernhard Beer. heller zu beleuchten oder zu besserem Verständniss zu bringen. Bereits seit Herder fanden viele jüdische Sagen wohlgelungene Bearbeitungen in deutscher Sprache; doch beschränkten sich diese meist auf Einzelnes, benutzten seiten all die vorhandenen Varianten und gaben kein vollständiges Bild einer ganzen Persönlichkeit oder Zeitperiode. Es lag auch nicht im Plane der schätzenswerthen Bearbeiter, die Sagen ganz so ausführlich wiederzugeben, wie die Quellen sie haben. Zuweilen wurden die Originale wieder mit neuen poetischen Zuthaten geschmückt, um ihneri einen modernen Anstrich zu verleihen. — Und doch sind jene Sagen, aus den oben angedeuteten zahlreichen Werken mit gehöriger Umsicht aber möglichster Beibehaltung ihrer eigentümlichen Färbung zusammengefügt, von hohem eulturgeschichtlichen Interesse; sie bilden einen heachtenswerthen Theil der jüdischen Literatur, von weleher ein namhafter deutscher Orientalist neulich sagte, dass sie an Gediegenheit, ethischer Wahrheit und poetischer Grossartigkeit die indische übertreffe. (Ausland 1859, No. 6.) Verfasser hat sich darum die Aufgabe gestellt, den jüdischen Sagenkreis, soweit er die hervorragenden biblisehen Persönlichkeiten berührt, für deutsche Leser mit möglichster Treue und Vollständigkeit nach den Originalquellen in zusammenhängenden Lebensgemälden darzustellen. Die verschiedenen unter sich abweichenden Versionen einer und derselben Erzählung sind hierbei in höhere Einheit aufgelöst oder, sofern dies nicht thunlich erschien, dem Leser neben einander vorgeführt worden. Nächst dem allgemeinen eulturgeschichtlichen Zweck, den man hierbei im Auge hat, den umfassenden nachbiblischen jüdischen Sagenschatz Alterthumsfreunden und gelehrten Forschern aller Confessionen zu öffnen, beabsichtigen diese Darstellungen zugleich, die eigenen Glaubensgenossen und besonders die jüngere Generation mit dem Inhalte der Midraschim und hagadischen Werke, welche in früherer Zeit zur Erbauungslectüre fast jeder israelitischen Familie gehörten, wieder vertraut zu machen.