Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 11 (1862)
- Issue
- Heft 3
- Date
- 1862-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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/ Vei Vielen, die meine wissenschaftlichen und praktischen Bestrebungen ihrer Aufmerksamkeit werth erachten, dürfte es wohl eher eher Erklärung dafür bedürfen, daß ich die früher mit vieler Liebe gepflegte journalistische Thätigkeit so lange unterbrochen habe, als dcsür, daß ich sie nun wieder fortzusetzen beabsichtige. Ihnen genüge vorläufig die Thatsache, daß ich mit frischem Muthe und ungerochener Kraft wieder beginne. Das Bedürfniß eines Blattes freisinnig-religiöser Richtung innerhalb des Judenthums, um dasRecht dieses Standpunktes nach Außen und nach Innen zu vertreten, ist sicherlich vorhanden; einem solchen Bedürfnisse will die Zeitschrift genügen. Mein Standpunkt für Wissenschaft und Leben hat unterdessen nicht gewechselt; noch heute wie ehedem bleibt «ein Ziel, die Anerkennung der fortschreitenden geschichtlichen Entwickelung im Judenthumc, die scharfe Hervorhebung seines wesentlichen und dauernden Gehaltes, die Bedeutung seines weltgeschichtlichen Einflusses, die würdige Darstellung seines geistigen Inhalts, die Kräftigung seines Lebensprineips zur Ueberwindung aller überlebten zeitlichen Gestaltungen zu erwirken. Meine wissenschaftliche Einsicht in die Gänge, welche das Judenthum während seiner langen Wanderung durch dieGeschichte gemacht, hat sich durch ernste Forschungen, deren einzelne Proben ich in gesonderten Werken der Oeffentlichkeit vorgelegt, in mir vertieft, und die Zeitschrift soll von dem, was ich als Wahrheit gefunden zu haben glaube, neue Mittheilungen machen und den Weg zu dieser schwierigen Erkenntniß bahnen. Die trockene buchstäbliche Annahme dessen was die alten Quellen uns überliefern — zu dieser lebendigen Ansicht müssen wir uns hinanringen —, läßt uns niemals den geistigen Entwickelungsgang eines Volkes, einer Genossenschaft vollkommen erkennen, sie bietetunsblos einzelne losgerisseneElemente, und diese noch dazu im Lichte und nach den Voraussetzungen des Schriftstellers und derZeit, in der er sich befindet. Wie der einzelne Mensch, welcher von einem hohen Lebenszwecke durchdrungen ist, in allen seinen Anschauungen, Aussprüchen und Handlungen von diesem bestimmt wird, ohne sich der Absicht bei jedem einzelnen Gedanken und Schritte bewußt zu sein; wie sich in ihm ohne Berechnung als naturgemäße Nothwendigkeit erzeugt, was der denkende Beobachter ihm als planvoll vorbereitet und ausgeführt nachkonstruiren mag: so ergeht es in noch höherem Grade dem Volke, das in seiner Gesammtheit von einer weltgeschichtlichen Idee erfüllt, getrieben wird. Ein Glaube, der so großartig in die Weltgeschichte einzugreisen bestimmt war und ist, wie der Gottesglaube des Judenthums mit allen seinen sittlichen Consequenzen, ein Volk, das der hohen Lebensaufgabe voll ist, Träger dieser Idee zu sein und sie in seinem Dasein auszuprägen, eine Genossenschaft, die von dieser früheren Volks-Mission nicht abläßt, «»im so fthr S!q,.EM^Hmständen diese Idee in der ganzen Welt zu verwirklichen und überall hin zu verbreiten — sie müssen nothwendig die ganze innere, und äußere Geschichte von dem Gedanken aus, der sie beherrscht, betrachten und darstellen, die Vorschriften für's Leben nach ihm auffassen und feststellen. Ein solches Volk aber geht auf seinem langen Lebensgange auch in die mannigfachsten Kämpfe ein, und auch sie bestimmen wieder seine Betrachtungsweise. In einem solchen Volke wechseln die Geschlechter, es steht innerhalb der GesammteNtwickelung der Menschheit, und es modificiren sich auch in ihm die Ansichten unvermerkt, seine Geschichtsauffassung und -Darstellung ändert sich gleichfalls, ohne daß es dessen iune wird. Es faßt das Erbe der Vergangenheit im Lichte seiner gegenwärtigen Anschauung auf; es rückt ganz unbefangen Erzählung und Einrichtungen, wie sie nun bei ihm geworden, in die frühere Zeit hinaus, es reiht z. B. ohne Bedenken die Chronik den früheren Geschichtsbüchern an, ja es vervollständigt, berichtigt, wo es Noth thut, ohne Arg und vom innersten Drange getrieben, frühere Aufzeichnungen von seinem nunmehrigen Standpunke aus. So arbeitet die spätere Zeit in die frühere hinein, erzeugt und verhüllt Widersprüche, die