Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 9 (1860)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Notizen.
- Date
- 1860-01-01
- Page
- Seite 202 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- chapter
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2829132-2829248-2829254--05471-2857138- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
202 Notizen. Notiz e n. Aus Wien. Anfangs Aprils. Das Concordat fängt an den Juden bittere Früchte zu tragen. Ihr Blatt hält sich zwar von Politik fern, doch darf wohl das wiederholt werden, was allgemein ausgesprochen ist: es hat den beabsichtigten Staatszwcck ganz verfehlt. Italien wurde durch dasselbe nicht nur nicht fester an Oesterreich gekettet sondern ging im Gcgentheil durch den Widerwillen verloren, den das Concordat im Auslände und zumeist in England hervorgerufen. Nicht minder bekannt ist, daß es auch im Jnlande ungemein Mißstimmung erregt und alle Stände und Schichten der Gesellschaft mit Unmuth erfüllt hat. Diesen Unmuth zu mildern, lag in den Händen und man darf sagen im Interesse des Klerus; mit Bedauern wird wahrgenommen, Laß ein Theil desselben weder das eigentliche Interesse der Confession noch was deren moralische Achtung fördert richtig erfaßt.- Ein unlängst zu Prag sich ereigneter Fall zeigt eine Art der Proselytenmacherei, wie er vor der Concordatzeit unerhört war. Das Allgemeine Hospital (Krankenhaus) daselbst ist aus den Händen der weltlichen in die der geistlichen Behörde übergegangen, der Orden der grauen Schwestern hat die Krankenpflege übernommen. Die hier erscheinende medizinische Zeitschrift hat zu seiner Zeit großen Lärm darüber geschlagen , daß den angehenden jüdischen Aerzten der ihnen bis dahinaufs Zuvorkommendste gestattete, ja fast zur Pflicht gemachte Besuch dieser als Klinik weit berühmten Anstalt, seit jener Umwandlung untersagt wurde; man suchte die Sache zu vertuschen und den alten Fuß wieder hcrzustellen. Da zeigte ein neuerer Vorfall, daß doch ein anderes Verhältniß eingetreten. Eine in diesem Hospital aufgenommene jüd. Frau litt an einer schmerzhaften Krankheit , die ihr Ruhe und Besonnenheit raubte. Da wurde ihr von ihren Pflegerinnen vorgespiegelt, daß ihre Leiden sich mildern würden so sie die Taufe annähme, die Unglückliche ließ sich im Uebermaße ihrer Schmerzen überreden und — starb bald hierauf. Die Entrüstung über diesen, wahrlich keiner Kirche zur Ehre gereichenden Schritt ist in Prag allgemein; die dortigen christl. Professoren und Aerzte sprachen sich über den mit dem Seelenheil eines seiner selbst kaum sich bewußten Leidenden getriebenen Unfug, über die alles religiöse und menschliche'Gefühl empörende Benutzung des l) Verspätet durch Entfernung des Druckorts. D. R.