Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 9 (1860)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Über Princip und Gebiet der Präsumtionen nach talmudischer Lehre
- Date
- 1860-01-01
- Page
- Seite 162 (sequence 2)
- Language
- German
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162 Ueber PrinciP 11. Gebiet der Präsumtionen nach talmud. Lehre. Doch darf in diesen Strudel ungewisser Erkenntnisse auch das Recht sich Hineinreißen lassen? Darf der wahre Statthalter GotteS ans Erden, der Richter, auf eine Wahrscheinlichkeit hin sein Urtheil fällen, Menschen unglücklich machen, ja Menschen das Todesurtheil sprechen? Denn die Gegenstände des Rechtes sind immer sinnliche Verhältnisse und für diese gibt es ja nur sinnliche, also nur wahrscheinliche Erkenntnißgründe und die höchste juristische Wahrheit ist nur höchste Wahrscheinlichkeit. Ungerecht scheint darum das Urtheil zu sein, das auf ein bloßes Wort, auf einen, vielleicht falschen Eid, auf die Aussage zweier, vielleicht lügnerischer Zeugen dem Armen fein letztes Gut entreißt, ja den Tod ausspricht. Und doch haben das alle Völker und alle Religionen und alle Weisen der Erbe gebilligt, — mit vollem Rechte. Denn gar schlimm würde es um die Menschheit stehen, wenn der Richter volle Wahrheit als die einzige Grundlage seines Urtheiles anerkennen wollte. Dann würden anstatt der Ge- 'setze Bosheit und Laster triumphiren, kein Uebelthäter dürfte die Strafe seiner Verbrechen empfangen, die Bande der Sitte und der Tugend wurden zersprengt werden vom offenen, nichts mehr fürchtenden Frevelmuthe. Aber auch abgesehen von den Folgen dieses zu weit getriebenen Strebend nach Wahrheit, führt uns auch ein. tieferes Eindringen in das Wesen der Wahrscheinlichkeit zu einer weit besseren Meinung von ihr, als der erste Blick uns lehren wollte. Denn auch der hartnäckigste Skeptiker muß eiuräumen, daß seine alleinherrschende Wahrscheinlichkeit zwei ganz verschiedene Gebiete aus- Meise s, deren eines allerdings die bloße Wahrscheinlichkeit, veränderliche Erscheinungen, unbestimmte Folgerungen, zufällige Wirkungen umfasse, deren anderes aber beständige Erscheinungen, bestimmte Folgerungen, nothwendige Wirkungen enthalte, die stets in derselben Weise sich zeigten und stets in derselben Weise sich zeigen werden. Viele Millionen Menschen sahen Tausende von Jahren hindurch jeden Morgen die Sonne aufgehen und es ist keine bloße Wahrscheinlichkeit, wenn man behauptet, daß sie auch morgen wieder aufgehen werde; es ist ferner mehr als wahrscheinlich, daß das Wässer nicht brenne und das Feuer nicht naß mache. 1) Vgl. Mendelssohn lieber die Evidenz II. Band S. 18 der Gesammt« aüsgabe.