Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 8 (1859)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Über das die Schätzung religionsphilosophischer Systeme beeinträchtigende Vorurtheil, daß die wahre Philosophie voraussetzungslos verfahre
- Date
- 1859-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Ueber Las die Schätzung religionsphilosophischer Systeme beeinträchtigende VorurLheil, daß die wahre Philosophie voraussetzungslos verfahre. Von Dr. M. Joel. Auf Grund einer gegebenen (positiven) Religion philosophiren hat für die gewöhnliche Vorstellung die Bedeutung eines sich selbst aufhebenden Beginnens, eines Widerspruchs. Philosophiren, so denkt״ man sich etwa die Sache, heißt voraussetzungslos die Wahrheit suchen. Also philosophirt, wer diese Wahrheit an seiner Religion schon zu haben glaubt, eben nicht. Philosophiren, auch von dieser Seite wird es angesehen, heißt, das Gegebene in Frage stellen, anzweifeln. Also ist der Glaube an Gegebenes eine schlechte Vorbereitung für die.Philosophie. In Wahrheit aber ist jede echte Philosophie ihrer Natur nach so voller Voraussetzungen und so wenig skeptisch , daß sie selbst das Vorurtheil, sie müsse nothwendig voraussetzungslos oder skeptisch sein, schon darum nicht absolut negirt, weil es mindestens ein Vourtheil ist. Was sie thnt, ist vielmehr dies, daß sie diesem Vorurtheil eine Reihe von wohlbegründeten Urtheilen an die Seite stellt, und zwar so lange, bis das Vorurtheil genügend eingeengt ist und ihm genau so viel Raum gelassen wird, um als berechtigtes Urtheil gelten zu dürfen. Die Philosophie verfährt voraussetzungslos. Aber schon der Erste, der die Philosophie geschichtlich zu betrachten ansängt, .gibt ihr eine, wenn auch zunächst nur äußerliche Voraussetzung. Die Nothwendigkeiten des Lebens müssen beschafft sein, sagt Aristoteles, ehe ein Volk zu philosophiren anfängt. Die Philosophie ist ihm nämlich die unnützeste aller Wissenschaften, versteht sich, wenn man Nutzen im schlechten Wortverstande Frankel, Monatsschrift. VIII. 4. 10