Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 7 (1858)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Scenen aus dem jüdischen Leben im Elsaß
- Date
- 1858-01-01
- Page
- Seite 58 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2829132-2829220-2829223-2855589--04049-2855621- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
58 Scene» aus dem jüdischen Leben im Elsaß. Samuel mochte fünfzig Jahre zählen. Ein breiter Backenbart rahmte sein verständiges, wenn auch etwas derbes Gesicht ein. Samuel ist eines jener Muster, wie sich deren viele im Elsaß finden und die sich zu den verschiedensten Rollen eignen. Der würdige Rachbar des Vaters Salomon bekleidete mit gleichem Erfolge die verschiedenen und zarten Aemter eines stellvertretenden CantorS an der Synagoge, eines Krankenwärters. Märchenerzählers. Barbiers. Hcirathsagenten und Commissionärs. Der Neuangekommene, der sich seiner Wichtigkeit bewußt zu sein schien, nahm seinen Platz der Breite nach und in möglichstcr Vertraulichkeit neben dem Hausherrn ein. ״Samuel," sagte mein Wirkh ohne weitere Vorrede, ״Du kommst gerade recht. Da wir doch ohnedies keine Parthie spielen können, so wirst Du uns irgend eine Geschichte erzählen, aber etwas Besondcres, was dein Herrn da gefallen kann. Das ist mein Freund, der in Paris wohnt." Samuel grüßte mich mit einem Kopfnicken, ohne seinen Hut zu berühren. ״Ich habe nicht die Gewohnheit, mich bitten zu lassen," antwortete er, ״aber lasset mich ein wenig suchen, was ich Euch erzählen könnte." Dom ganzen Zuhörcrkreise wurde nun ein wahrer Sturm auf das Repertoire und die Gelehrsamkeit Samucl's gemacht. Die Hausfrau bestand auf der Legende von der Königin von Saba, die auf einem goldenen, ohne Gespann sich bewegenden Wagen zu gewissen Zeiten das Dorf Bolwillcr um ein Uhr nach Mitternacht mit fliegenden Haaren und in weißem Gewände durchziehe. Die beiden Töchter Salomon's baten Samuel, ihnen doch die so tragische Geschichte der kleinen Rebekka zu erzählen, die in Folge eines unbescheidenen Blickes, den sic an einem Sabbatabend durch das kleine Küchenfcnster warf, das verrufene ״Mohkolb" oder ,,Dorfthier" erblickte und sein Gebrüll hörte, und aus Furcht starb. Die Sohne meines WirthcS verlangten die Abenteuer von dem alten Jakob, der sich auf seiner Meßreise verirrte. Nachdem er die ganze Nacht gegangen war, befand er sich um drei Uhr des Morgens an der Stelle, von welcher er am vorhergehenden Abend ausgcgangen war, und wurde bis in sein Haus von einer Schaar ״Feuermänner" verfolgt , die als unheilvolles Warnungszeichen auf seiner Thüre die Spuren ihrer feurigen Finger zurückließen. Vater Salomon wünscht« die Geschichte des hochberühmten Nathan, genannt Nathan der Teufel, der, der Schrecken und das Aergerniß der ftommen Gemeinde Grusenhcim, durch eine»