Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 7 (1858)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Scenen aus dem jüdischen Leben im Elsaß
- Date
- 1858-01-01
- Page
- Seite 54 (sequence 1)
- Language
- German
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54 Scenen aus dem jüdischen Leben im Elsaß. Scenen aus dem jüdischen Leben im Elsaß'). 1. T-ie Einladung eines allen Freundes führte inich vor einigen Monaten nach dem Elsaß in ein jüdisches Tors in die Mitte von Scenen, welche ich zwar seit meiner Kindheit beobachten konnte, bei denen aber zum Reiz der Erinnerung sieh noch eine Art Neuheit gesellte. Dank einem sonderbaren Aufalle, konnte ich während dieser wenigen Tage nicht blvs die sonderbarsten Gestaltungen der jüdischen ländlichen Bevölkerung im Elsaß, sondern auch die bezeichnendsten Festlichkeiten des jüdischen Lebens beobachten. Der religiösen Feier des Freitag. Abends und des Sabbats folgten die Ccremonicn einer Hochzeit und eines Leichenbegängnisses. Alle diese Gemälde entwickelten sich in der Ordnung, in weicher sie sich ebcn^darbotcn. ohne daß die Einbildnngskraft irgend einen Antheil an der Anordnung der verschiedenen Vorfälle gehabt hätte, die ich zu erzählen habe. Das von einer zahlreichen israelitischen Bevölkerung bewohnte Dorf Bolwiller liegt nicht weit von Mühlhausen. Daselbst lebt Vater Saiomon, ein schöner 70jähriger Greis, mit einem Aeußern voller Klugheit uitd Gulinülhigkeit. Vater Salonion sollte eben mein Wirth sein und ein Freitag!vars. an welchem ich Mühlhausen vcrließ, uin mich nach Bolwiller zu begeben. Ich machte mich absichtsich ziemlich spät Nachmittags auf den Weg, um erst gegen 4 . Uhr in Bolwiller anzulangen. Ich vermied cs, unschicklicher Weise die Vorbereitungen zum Sabbat zu stören, denn der Freitag hat seine doppelte Roth für die weibliche Bevölkerung eines jüdischen Dorfes. Ta d s mosaisch« Gesetz nicht gestattet, am Sonnabend das Feuer zu berühren, so inüffen nicht bloS die Speisen für den Abend, sondern auch für den folgenden Tag zubereitet werden. Ich wußte auch, daß nach einein thätig verbrachten Morgen des Freitags, am Abende einer jener seltenen Angenbticke der Ruhe ein tritt, in welcher in der ländlichen israelitiseben Bevölkerung der sie belebende Geist sich in völliger Frische knndgibt. Mil de!: letzten Sonnenstrahlen des Freitags schwindet bei diesen guten Leuten aller Verdruß und Kummer der Woche. Der ..Sorgenwagen", der, wie sie sprechen, jede Nacht die Weiler durchzieht, um dem Armen das Maß seiner Mühen für den folgenden Tag zurückzulasse». dieser Wagen, das traurige Symbol des Land- *) Nach der Revue dc9 deux Mondes.