Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 5 (1856)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Briefe aus Österreich
- Date
- 1856-01-01
- Page
- Seite 307 (sequence 4)
- Language
- German
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Briefe aus Oesterreich. 307 Juden selbst im Auge. Ich bade bereits oben von der grauenerregenden Armuth und Armseligkeit gesprochen, die da herrscht. Es bleibt daher auch hier nicht das bekannte Sprichwort aus: In der Armutb liegt große Versuchung. Es sind aber die sittlichen Beziebungen da und dort in solcher Weise gelockert, daß der Hinblickende mit tiefem Schmerze erfüllt wird. Bekanntlich werden frübzeitig Ehen geschloffen. Es geschiebt dieses, wie die Leute.sagen, um das sittliche Leben, wie-es in Israel stets heimisch war, aufrecht zu erhalten. Jedoch wird'zumeist das gerade Gegentheil dadurch hervorgebracht. Selten kommen unter den Juden verbältnißniäßig so viele Scheidungen vor, als gerade da; wie es allerdings nicht anders kommen kann. Die Geschiedenen bingegen sübren manchiual ein gar sonderbares Leben. Dazu kommt aber noch, daß selbst wo Mann und Weib zusaunuen leben die Armuth in jold) graßlüber Weise überband nimmt, daß für Weniges Alles feil ist! Es ist mir wabrhaft schmerzlich, dieses uiederschreibcn zu muffen: aber die Wabrheit verlangt ihr!)!echt. Vielleicht kommt diese Monatsschrist in die Hand von Galiziern, die zu ihrem Leidwesen eben so wie ich das שערורי׳ נעשהה ביש־יאל fcnucii und zur möglichen Abhülfe sich angespornt füHcn. Wir möchten in diesem Punkte keine Hülfe von Außen verlangen, da diese Hülfe trop des besten Willens sich höchst selten als segensreich bewäbrr. Gewöhnlich bat inan das Allgemeine im Auge, ohne auf die Speeialität einzugehen, und eine solche Cur tragt mebr zur Verstimmung als zur Lcbeusfrcudigkeit bei. Von Innen beraus!nuß die Gestaltung vor sich gehen, und dazu können wir uns selbst nur verhelfen. Was die Regierung dabei zu thun bat oder eigentlich thun muß, ist, die Schranken des Ghetto fallen zu lassen und die mannigfachen Hände iind Graste, die icpt müßig sind, zu beschaftigen. Wir wollen nicht nationalöconomische Grunde angeben. Die Natronaloconomie ist bereits eine Wissenschaft geworden, die aus öffentlichen Straßen in den Journalen predigt. Jeder Zeitungsleser weiß bereits, wie sebr der Woblstand des ganzen Staates von der Ent- Wickelung der einzelnen Kräfte abhängt, und daß überhaupt die Summe der einzelnen Kräfte die Gesammtkrast und Macht des Staates ausmacht. Wo die einzelnen Kräfte erschlaffen und in sich zerfallen, da bricht über kurz oder lang die Gesammtkrast zusammen. Doch betrachten wir die Sache von rein politischem Standpunkte: Von ihm aus ist cs um so mebr Pflicht der Regierung, etwas für die Hebung des materiellen Wohlstandes der galizischen Juden zu tbun Der geehrte Leser dürste sich vielleicht erinnern, daß im Jahre