Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 5 (1856)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Briefe aus Österreich
- Date
- 1856-01-01
- Page
- Seite 305 (sequence 2)
- Language
- German
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Briefe a»S Oesterreich. 305 Ghettogcstaltcn auf. So finden wir eben jetzt in einem Wiener Journaic ״der Wanderer" Bilder and Galizien, wo jüdische Zustände ge« schildert werden. Doch bält sich der Verfasser blos auf der Oberfläche. Die sinnlosesten, abergläubischen Ecremonien werden genau erzählt, so daß der Beifall des ״süßen Pöbels" gewiß nicht ausbleiben kann. Die Ausgabe, die ich mir stelle, ist freilich eine ganz andere. Run zur Sache. Die Judenfeinde habe» eine eigcnthümliche Logik. Die Einen wünschen und wollen, daß die Inden streng gläubig bleiben. Sie sollen den Talmud eben so als eine Offenbarung Gottes, wie die Bibel betrachte»; und zwar nicht blos den Talmud, sondern die AuSsprücke des letzten ErklärerS sollen eben so bindend und verpflichtend sei», wie die ״Zebn Anssprüche". Nun gibt es Juden, die so leben. Da erhebt sich aber das Zetergeschrei, und man entblödet sich nicht, Stellen aus dem Talmud und aus dessen Kommentatoren berauszurcißen, die man allerdings blos aus Eitaten und nicht in ibrem Zusammenhänge kennt, um zu beweisen, welche Inhumanität da gelehrt wird, wie die Unwissenheit da vertreten ist. — Jener Partei siebet aber unter den Juden eine andere entgegen, die den Grundsatz festhält: ״Erkenne den Gott deiner Väter und diene ihm von ganzem Herzen"; also diejenigen, die den Glaube» im Geiste der Erkenntniß haben wollen. Diesen wieder ruft man zu: Es gibt keinen Glauben gepaart mit Erkenntniß. Ihr seid nicht Juden, in so lange ihr nicht die letzte Ceremonie fest« haltet und am Sabbat hübsch zu Hause bleibet, damit ihr keinen Grashalm zertretet. Ist bei solcher Unklarheit der Begriffe irgend eine Erörterung, geschweige denn Verständigung möglich? (Daß wir hier nicht auS der Luft gegriffen haben, verweisen wir auf die in Wien erscheinende ״Äirchenzeitung" und — risum teneatis — auf die Mayer'schc ״pädagogische Revue".) Waren doch die Herren ehrlich und würden einfach mit dem Patriarchen sprechen: ״Der Jude wird verbrannt". — Ein ähnlicher Kampf wird auch in Galizien geführt, wo es sich darum handelt, den Juden den Erwerb des GntcrbesitzeS zu gestatten. Zu wiederholten Malen hört man den Vorwurf: die Juden sind nichts als Schacherer; und da, wo sie soeben zum Pfluge greifen wollen, hält man sie durch Verbote davon zurück! Doch schauen wir der Sache etwas näher aus den Grund. Man fürchtet die unbeschränkte Besitz» fähigkeit des Juden, weil dadurch der Jude leicht >n den säiumtlichen Besitz der Bauerngrundstücke gelangen würde. Sie sehen also wohl, daß die weisen Daniels gerne dem Juden einräumen, daß er nicht