Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 5 (1856)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Briefe aus Wien
- Date
- 1856-01-01
- Page
- Seite 141 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2829132-2829192-2829197-2854318--02834-2854345- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Bricfc c»,s Wicn. 141 Briefe aus Wie«, v. 6 n d c F cbru a r. Sonst hieß es: ,,die Todten reiten schnell", jetzt gilt dieses auch 1011 den Lebenden; im Fluge ziehet alles dahin. 20 sebr ieb dabcr allerdings weiß, daß es nicht die Ausgabe einer Monatsschrift sein tanir, die flüchtigen Regungen und Bewegungen des Zettftromes in 'nein Bilde festzubalten, so glaube ich doeb, daß es auch iucr wichtig sei, manche bedeutende Momente hervorzubeben. Die Wiener israelitische Gemeinde ist in (sultusangelegenbeiten beiläufig das für die Grönländer, was Paris in politischer Beziehung für die Departements ist. Wenn bisber in den jüdischen Gemeinden des Kalserstaates keine solche 2paltung bervortritt, wie sie die großen und minder großen Gemeinden anderer deutschen Länder zeigen, so bat Wien zumeist das Verdienst, wenn man es nämlich als Verdienst gelten lassen will, daß man nicht den eigenen Leib zerstört. Würde Wien mit dem Beispiele vorangehen, so würden sich bald andere Gemeinden finden, die ihm naebtiäten. Ich komme aus diese crnftcu Gedanken, da eben jetzt die Entscheidung in Betreff der Frage des zweiten Predigers vor der Tbüre siebet. Unsere alten Weisen legen dem Moses, Korach gegenüber, die Worte in den Mund: ״Wir haben nur Einen l^ott, (yiiu'11 Priester, ly in Heiligtlmm." Das bat sich jetzt bedeutend geändert. Nun lst es allerdings nicht zu leugnen, daß, abgesehen von dem amtlichen, der geschäftliche Tbeil (wie ich es nennen mövl'te) für einen Prediger in großen Gemeinden zu viel wird; so bietet aueb die Eoncmrenz in geistiger Beziehung, wie das Scblagwort der Zeit ist, Gelegenheit, den Eifer für die Sache wach zu batten. Dadurch aber entstehet der Nachtheil der Rangstreitigkeiten, der Hegemonie מי ילך בראש. Allerdingö fordert man und setzt man sogar voraus, es werden die Männer, die das Heiligste zu vertreten haben, die Sache im Auge haben und nicht die eigene Persönlichkeit; — aber vergessen wir nicht, daß ein Mensch eben nur Mensch ist, und mutben wir dein menschlichen Herzen niebt mehr zu, als ein Herz gewöhnlich zu tragen im Stande ist. Das kleinste unbedeutendste Körnlein Verdacht, das in ein Menschenherz fall:, schießt bald zur!nächtigen Pflanze auf, deren Früchte wahrhaft nicht erquickend sind. Es ist unnötbig, daß wir bemerken, wie die Wege dann immer weiter und weiter auseinandergehen, und alles Mögliche gefördert wird, nur nicht das was zu fördern ist. Wir wollen das Bild nicht ausmalen; wir begnügen uns mit allem Ernste, mit allem Sraiukcl, Monatsschrift. V. 4. 11