Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 4 (1855)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Zur Geschichte der jüdischen Religionsgespräche
- Date
- 1855-01-01
- Page
- Seite 448 (sequence 2)
- Language
- German
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448 Zur Geschichte der jüdischen Religionsgespräche. die neuerstandenen christlichen Reiche bis. tief in das 15. Jahrhundert ausgebreitet hielt, läßt durch diesen langen Zeitrautn die Spur eines eigentlichen Religionsgespräches nicht erkennen. Religionsgespräche, an sich nur selten weder Wissenschaft noch Gemüthserhebung fördernd, gewinnen allein durch den aus der. Friction des Gedankenaustausches hervorbrechenden Funken; dieser Zeit war jede Schwingung der freien sich selbstbewußten Geistesthätigkeit fremd. Bon der einen Seite drückte schwer der Arm der hereingebrochenen Barbarei, von der andern übten scharf zugespitzte Subtilitäten einen solchen Reiz, daß man sich an Unverständlichkeiten und an unsinnigen, dem Begriffsvermögen nicht zu fassenden Erklärungen, überbot und was außer diesem Kreise lag nicht der Beachtung würdig hielt. Diese Periode gehört zu den trübsten Phasen der Geschichte. Das graue Alterthum läßt uns manche Greuel errathen, durch das Dunkel ihrer Sagen bricht mancher Zug, der das Erniedrigende der Knechtschaft offenbart, in die sich der Mensch begeben hatte, als er durch Vergötterung der Natur in ihren blind waltenden Kräften die Lenker seiner Schicksale erblickte. Die ein Jahrtausend umspannende nachchristliche Periode der Geistessinsterniß läßt nicht nur errathen, sondern spricht jn dürren Worten, wie viele Opfer unseliger Wahngebilde, den sich selbst nicht begreifenden Meinungen gefallen; wie früher die Gottheit in die Natur, so wurde sie jetzt in die sinnlichsten Vorstellungen herabgezogen, das Alterthum opferte manches Menschenleben aus dem Altar seiner Gottheiten, das Mittelalter schlachtete Tausende vor dem Altar seiner Gottheit! — Die allein zu Disputationen über Religionswahrheiten berechtigende ungetrübte Geistesklarheit wird natürlich dort vermißt, wo Unverstand und Unduldsamkeit zur Schau tragender Fanatismus sich zum Richter aufwirft und ein tieferes Eingehen auf die Gründe des Gegners als verdammlich erklärt: und welches Zeugniß legt ein Zeitalter von sich ab, das einem Hieronymus, dem man wahrlich nicht Geisteshelle und Duldsamkeit vorwerfen kann, der Jrrgläübigkeit verdächtigte, weil er dem Studium der hebräischen Sprache oblag! — Die aus dieser Zeit bei den Kirchenvätern aufbewahrten Religionsgespräche bieten in keiner Weise irgend einen geistigen Anhalt; es werden nur die oben angeführten stumpfen Argumente Justins wiederholt, weiter hinaus reichte die Bibelkunde und die Bekanntschaft mit jüdischen