Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 4 (1855)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Chanukka 1855
- Date
- 1855-01-01
- Page
- Seite 439 (sequence 5)
- Language
- German
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Chanukka 1855. 439 Wahrhaft jüdische Gemeinden werden im wahren jüdischen Sinne das Rechte schon treffen: vor Allem thut Eintracht noth. Ist diese erst da, dann kann man der jetzt wieder sehr überhand nehmenden Bekehrungssucht, die durch die Erfolglosigkeit bisher in ihren kostspieligen Bestrebungen bis zur Wuth gesteigert scheint, ruhig entgegensehen, diesem Treiben wohl gar mit Ernst und Würde entgegentreten. Damit meine ich jedoch keineswegs, Proselyten fürs Judenthum anzuwerben. Wer dieses kennt, weiß, wie wenig es solche ausmuntert, wie unlieb sie ihm sogar sind. Mohl aber sollte nach meinem unmaßgeblichen Dafürhalten die einzige Quelle des Zuflusses für missionarische Lockungen bis zu ihrem Ursprünge verfolgt, und da gehörig gereinigt werden. Die vernachlässigte religiöse Erziehung in der Jugend ist es, die manchen ohne Kraft und ohne Grundsätze heranwachsenden jungen Mann bei einem sich darbietenden Vortheil zum Wechsel des Glaubens — man könnte richtiger wohl sagen: zum Wechsel der Maske — veranlaßt. Besonders sind es Kinder der Armen, und Waisen, die im Glauben der Väter wenig unterrichtet werden. Man sucht sie so frühzeitig wie möglich in einem Geschäft unterzubringen, um der Sorge für sie los zu sein. Es ist zwar wohlbekannt, wie in Israel der von jeher sich bewährende Wohlthätigkeitssinn noch nicht verschwunden ist, die Mittel werden noch immer ohne Anregung, ohne Unterstützung, zuweilen sogar trotz der Hindernisse von außen bereitwillig herbeigeschafft; aber die Thatkräftigkeit, die in früheren Zeiten in vollem Glaubens- und Herzensdrang sich kund gab, ist jetzt wenig zu finden. Der Erwerb nimmt so in Anspruch, daß man nicht gestört sein kann oder will. Höchstens im Sterben, oder im Gedanken daran, bei Abfassung des Testamentes, wird eine Summe Geldes zu irgend einem guten Zwecke vermacht, gleichsam um sich für die verabsäumte Pflicht loszukaufen. Wäre es nicht die würdigste Begehung der Jubelfeier, wenn man Waisen- und Erziehungshäuser begründete, in denen jüdische Kinder wahrhaft jüdische Erziehung nach der Religion und nach der Einfachheit unserer Väter, und die vorwaltende Richtung zum Handwerk und zum Ackerbaue bekämen?