Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 4 (1855)
- Issue
- Heft 9
- Article
- R. Jochanan ben Napcha
- Date
- 1855-01-01
- Page
- Seite 327 (sequence 7)
- Language
- German
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R. Jochanan l>e>1 Napcha. 327 z. B. der Zeit und des Maßes (b. Mezia 40a) fehlen, fast überall tritt er mit seinem glänzenden Scharfsinne und seinem enormen Gedächtnisse, das treu die Worte seiner tanaitischen Lehrer aufbewahrte, ausgleichend, aufhellend und ergänzend auf. Darum darf er auch unstreitig als der bedeutendste der Interpreten, als der eigentliche Dolmetsch der Tanaim, deren letzter, unmittelbarer Jünger er war, gelten. Hat sonach R. Jochanan zum bessern Verständniß der Mischna viel beigetragen und sie zum klaren Bewußtsein des Volkesgebracht, so geht darum doch seine ganze Thätigkeit noch nicht in der Mischna aus. Auch als selbstständiger Lehrer verdient er unsere Beachtung und Hochachtung, und dies ist der dritte Gesichtspunkt, von dem aus wir ihn zu betrachten haben. — Das Mischnawerk, wie sehr es auch das jüdische Volksleben nach allen Richtungen hin durchdrang und das persönliche, staatliche und Heiligthumsrecht, das religiöse und ethische, das nationale und humane Moment — Factoren, die in der Gesetzgebung vieler Völker noch heute sich feindlich gegenüberstehen — umfaßte und zu einem Ganzen vereinte, hatte gleichwohl noch viele Lücken, die erst nach Abschluß der Mischna, nachdem diese ein Gegenstand des Studiums und der Kritik geworden war, deutlich hervortraten. Dazu kommt, daß zur Zeit des R. Jochanan und noch später das jüdische Volksleben, ob auch die staatlichen Bande fast ganz gelöst waren, gleichwohl noch kräftig durch alle Adern des Volkskörpers pulsirte und sich gemäß den Gesetzen seiner Natur und seiner Stellung zur Außenwelt fort entwickelte, neue Erscheinungen, Verhältnisse und Zustände erzeugend. Diesen mannigfachen und neuen Lebensentfaltungen entsprechend, mußten auch für Gesetz und Sitte neue, an. das überkommene Religionsgebäude und Religionsleben anknüpfende Normen aufgefunden werden. Und in erster Reihe derer, die dieser hohen Aufgabe sich widmeten, erblicken wir wiederum R. Jochanan. Unzählige Male sehen wir ihn in den Talmuden als Autor neuer Gesetzesbestimmungen auftreten, um Glauben, Recht und Moral zu wahren und zu verbreiten und das Werk der Tanaim im tanaitischen Geiste sortzusetzen. Er betrachtete den reichen Schatz überkommener Halacha's nicht als ein todtes Kapital, das keines Wachsthums fähig sei, sondern als Saat zu neuer segensreicher Ernte, als Basis, darauf das Werk des Geistes fortgebaut werden