Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 4 (1855)
- Issue
- Heft 8
- Article
- R. Jochanan ben Napcha
- Date
- 1855-01-01
- Page
- Seite 294 (sequence 10)
- Language
- German
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294 R. Jochanan ben Napcha. herbe Schmerz zu Theil, zehn Kinder, alle seine männlichen Sprossen, im zartesten Alter hinwelken zu sehen. Ihn zierte bei der Größe seines Geistes das frömmste, kindlichste Gemüth, das im andächtigen Gebete zu Gott so gerne sich ergoß, und wie eifrig er auch studirte, das Stündlein des Gebetes durfte nicht versäumt werden. O, könnte man doch den ganzen Tag beten! sprach er oft, der gefeierteste der Gelehrten (ser. Sabb. 1, 2). Ihn zierte Menschenliebe in dem eigentlichsten Sinne. Einen Menschen beschämen, das dünkte ihm das Unedelste, das Unwürdigste. ״Der Mensch sollte lieber des Feuertodes sterben wollen, als einem andern eine Beschämung bereiten", lautete sein Spruch (Berach. 431, u. a. a. O.). Es verletzte ihn tief, sah er Jemand durch grobe Späße oder sonst eine Weise von einem Andern beleidigt. Ja, er hielt solche Kränkungen für verwerftlicher, als selbst Beeinträchtigungen an Geld, weil dieses sich ersetzen läßt, die Ruhe einer Stunde aber, dem Leben eines Andern geraubt, wohl nicht ersetzt werden kann. Darum heißt es ja auch, fügte er hinzu, bei den Verboten von Injurien: ״Du sollst vor Deinem Gotte Dich fürchten", was bei Gesetzen gegen Uebervortheilungen fehlt (bab. Mezia 48b). Sein Wohlthätigkeitssinn begnügte sich nicht damit, nach Kräften der Noth abzuhelfen, sondern suchte auch dem Gefühle der Scham, welche die dem Armen geweihete Spende erzeugt, auf zarte Weise vorzubeugen ^). Auch sind uns vielfach von R. Jochanan Ermahnungen zur Wohlthätigkeit in ernstem und im heitern Tone aufbewahrt, so das Wortspiel עשר בשב״< שתתעשר (Reiche —׳ und Du wirst reich). Seine Humanität kannte übrigens keine confessionelle Schranke. Ehrerbietig stand er gewöhnlich vor einem syrischen Greise auf (Kidd. 33), und seine Sklaven behandelte er mit einer Freundlichkeit, die in unfern civilisirteren Zeiten nicht gegen den freien Diener beachtet wird. Er aß nichts, das er nicht mit ihnen theilte, indem er mit Hiob (31) zu sagen pflegte: ״Wer mich geschaffen, schuf er nicht auch sie, und hat Einer nicht uns all' im Mutterleib gebauet?" (j. Baba Kama 8, 4). 2) I- Schekalim 5, 15. Nach einer andern Leseari ist jedoch R. Jona dieser edle Wohlthäter. (Schluß folgt.)