Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 3 (1854)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Briefe aus Berlin
- Date
- 1854-01-01
- Page
- Seite 310 (sequence 3)
- Language
- German
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310 Briefe au$ Berlin. biblische Exegese angeraut batten. Die neu gegründete Zeitschrift öffnete der Wissenschaft des Iudentbums Lichträmne, in großen Dimensionen angelegt. Nur feMtc cs an Wärme nnd religiöser Weibe, durch welche allein die Wissenschaft lebendig wird und Leben erzeugt. Man muß gesteben, daß die damals so sehr verlästerte Qrtbodorie daS wahre Bedürfnisr der Gegenwart besser verstand und den Nebeln zu begegnen viel praktischer zu Werke ging, als bochmütbige Intelligenz. Auck von ortbodoxer Seite wollte man für die Heranbildung nnd Verjüngung des Gejsthlecbtes Sorge tragen; aber man griff nicht ins Blaue, baute nicht glänzende Lustschlösser, sondern schlug den nabeliegenden Weg ein, der zum Ziel batte führen können, wenn die berliner Gemeinde nicht der Fatalität unterläge, GeburLsweben ohne Geburten zu baden. Der damalige Vice-Oberrabbiner, Meyer Weyl, von den Zeitgenoffen mit dem Epitbeton ״der Kluge" benannt, that einen knbnen Griff, ein theologisch-pädagogisches Seminar zur Heranbildung jüdischer Lebrer nnd Rabbiner für den preußischen Staat zu schaffen. Schon batte er dazu die Bestätigung des Ministerium Alteustoirr uud den Beifall der Koryphäen unter den Rabbinern; der Lehrplan war ausgearbeitet, freilich iin Ge sch macke jener Zeit nach dem Zuschnitt kantischer Systematisirung, als der Unternehmer, ehe noch die Seminarieir ins Leben traten, ans dem Leben schied. Seitdem war die Berliner Gemeinde in einen langjährigen Witwenstand gerathen. Das Nabbinat, das dazu batte dienen können, wenn cs von einer kräftigen Persönlichkeit getragen worden wäre, den religiösen Interessen der Gemeinde eine Spitze und eine Goneentration zu geben, blieb unbesetzt, oder nur in den niedrigen Functionen provisorisch besetzt. Man konnte sich nicht entschließen eine definitive Wahl zu treffen, weil eben über die Anforderungen, die man an den Träger desselben stellen sollte, die Divergenz der zwei Parteien unversöhnlich war. Die Einen batten *men Rabbiner aus Sarmatiens blühendem Schmutze gewünscht, der auf dem ״Meere des Talmuds" zu steuern verstünde; die Andern wußten in einem Rabbiner nur ein sonores Predigerorgan zu schätzen, der sein Publikum auf Augenblicke zu fesseln vermöchte, alles Andere, was ein Rabbiner noch zu wissen und zu leisten hätte, schien ihnen ein Nebel zu sein. ES dauerte nah an zwei Dccennien, bis sich die berliner Gemeinde aufraffie, sich nach einem Oberrabbiner umzusehen, der m seiner Individualität den Gegensatz der Zeit zur Versöhnung gebracht, nach beiden Seiten genügen konnte. Man richtete das Augenmerk ans den Oberrabbiner eines benachdarten Staates, der theoretisch und praktisch berufen schien, einer