Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 3 (1854)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Briefe aus Berlin
- Date
- 1854-01-01
- Page
- Seite 269 (sequence 2)
- Language
- German
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Briefe aus Berlin. 269 die letzten Extreme, die vielmehr nach beiden Seiten hin viel weiter abliegen. Es klingt zwar paradox, ist aber darum doch nicht minder wahr, das; die Reform eigentlich einen Rückschritt der zu weit Borgeschrittenen bildet, und wiederum der junge Schaß-Verein einen Fortschritt der zu sebr Zurückgebliebenen. Neberbaupt werden nur die Fernstehenden in diesen beiden Gegenpolen hervorragende Punkte des jüdischen Berlin erblicken, in der Nähe betrachtet verschwinden sie dem Auge des Beobachters und das mannigfaltige Gemeindeleben bewegt sich um ganz andere Brennpunkte. Um dieses Leben in seiner tiefer;; Bedeutung zu begreifen ist ein Rückblick auf den Ausgangspunkt erforderlich, wie man uberbanpt das. Werdende nur aus dein (Gewordenen, die Faetoren der Gegenwart aus den Resultaten der Vergangenbeit versieben kann. Man würde sich aber sebr irren, wenn man Mendelssohn als jenen Ausgangspunkt betrachten wollte, an den; sich der herrschende Geist des jüdischen Berlin augesacht hat. Mendelssohn war für Berlin nur eine erotische Pflanze, die in der preußischen Hauptstadt eben so wenig Wurzel hatte, lvie etwa in Brody. Seine Schule, wenn man von einer solchen sprechen darf, seine Mitarbeiter an der Ueberseyung und Eommenliriing der!׳eiligen Sebrist und an der Wiedererweckung der heiligen Sprache zählte nur;reuig Jünger aus Berlin, weil dieses eben ebne Bergangenbeit war, keine Iesebiba besaß, ans welcher Apostel und Apostaten in der neue!; Richtung hätten lwrvorgebei; können. Mendelssohn war der Berliner Gemeinde nichts mebr und nichts weniger als R. Moscheh Dessau, der die Tbora verdeutscht bat und an einem Seidengeschäft betheiligt war. Ueberhaupt ist die Erinnerung an den jüdischen Sokrateö außerhalb Berlin vielleicht lebendiger, als in Berlin. Das Haus in der Spandauerstraße, das die Inschrift trägt: ״Hier lebte und wirkte Moses Mendelssohn unsterblich" wird von Berlinern gerade nicht mit besonderem Stolze betrachtet, und einen; Theile derselben mag der Vater erst durch den Namen seiner Binder und Enkel bekannt geworden sein. Mendelssohn war zu sehr Kosmopolit, um bleibende Spnren im Gemeindelcben zurückzulassen. Viel eher könnte David Fried länder, der Apostel der Aufklärung, als der Ausgangspunkt des Geistes betrachtet werden, der eine lange Zeit in jüdischen Kreisen Berlins herrschend wurde. Dem; obwohl die Zabl der Hausvater, welche beim AuSgang des vorigen Jahrhunderts mit Friedländer an der Spitze das burleske Sendschreiben an den Probst Teller — nach der einen Seite ein Absagebrief und nach der andern ein Bettelbrief — erlassen hatten, so klein war, daß man da-