Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 2 (1853)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Briefe aus Mähren
- Date
- 1853-01-01
- Page
- 464 (sequence 1)
- Language
- German
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464 Briefe aus Mähren. Briefe aus Mähren. in. Wir verlassen das Dorf mit dem Stillleben seiner jüdischen Familie und wenden uns zu dem geräuschvollen Treiben der Gemeinden im Allgemeinen, die im Laufe der letzten sechs Jahre drei verschiedene Physi'ognomien darboten. Versetzen wir' uns in das Jahr 1847 und betreten das Ghetto einer mährischen Judengemeinde. Ghetto! Das eine Wort reicht hin, um uns die. Scheidewand zwischen Juden und Christen zu vergegenwärtigen, um an die Zurücksetzung, die Leiden, den Schmerz, die Entbehrungen des mährischen Juden zu erinnern. Jede mährische Gemeinde hatte ihr Ghetto, abgesonderte Gassen, in denen sie sich bewegte, die man gewöhnlich! ״Judenstadt" nannte. Darin wohnten Kaufleute, die ihre Gewölbe in der ״Christenstadt" hatten — also ein Privilegium, dessen sich z. B. die Juden Prag's nicht erfreuten — und Hausirer, welche in den Dörfern umherziehen, um Nahrung für die Ihrigen zu suchen. Rechnen wir noch einige Handwerker (besonders Schneider), Aerzte, Lehrer und Talmudbeflissene (Lamdanim) hinzu, so so sind wir mit der Bevölkerung des Ghetto vertraut. An den Wochentagen ist es daselbst ziemlich ruhig, da die Meisten in ihrem Berufe thätig, aus Reisen oder in Dörfern sind; Spuren eines regen Lebens zeigen sich erst am Sabbat. Freitag Nachmittags ist der wandernde Hausirer nach seinem Wohnorte zurückgekehrt, die Gewölbe in der ״Christenstadt" werden geschlossen und die Sabbatruhe zieht allmälig in das Ghetto ein und wird begleitet von den Engeln des Friedens und des Trostes! Fast alle Juden gehen in die Synagoge, deren Gottesdienst bald mit neuen Elementen versetzt war, bald in alter Form bestand. Am Sabbatmorgen hörte man schon in vielen Synagogen deutsche Predigten (in Nikolsburg, Proßnitz, Gaya, Aussee, Loschitz), und wo Lies nicht der Fall war, brauchen wir nicht die alten Rabbiner anzuklagen, da sie durch talmudische Gelehrsamkeit glanzten und nach ihren Kräften und ihrem Gewissen für das Wohl ihrer Gemeinden Sorge trugen. Ja, einer dieser alten Rabbiner, R^ Salomo Quetsch in Leipnick, ist eine wahre Zierde Mährens, da er zu den größten jetzt lebenden Talwudisten gehört, ein Vorzug, der leider in Oesterreich überhaupt auch nicht mehr gewürdigt wird, da in dem tonangebenden Wien das eigentlich jüdische Wissen in Mißcredit gerathen und fremd ist. Die Leiden des mährischen Juden über beweisen seine Freuden! Dies klingt paradox — und doch ist dem so! Wenn nämlich ein Jude in Mähren beirathen wollte, da fühlte er die Wucht der Ausnahmsgesetze. Für jede Gemeinde« war eine bestimmte