Mannheim
Compact Memory

Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1853-01-01 · Heft 5 · p. 181

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
2 (1853)
Issue
Heft 5
Article
Briefe aus Prag
Date
1853-01-01
Page
181 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2829132-2829150-2829156-2852317--00983-2852350
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

181 Briefe aus Prag. hat, abgesehen von der Charakterstärke und die seine Zeitgenossen überstrahlende Gelehrsamkeit dieses Mannes, auch schon in dem Umstande ihre Begründung, daß seit dessen Dahinscheiden die Rabbiner-, oder, nach dem Gebrauche unserer Zeit zu sprechen, die Oberrabbinerstelle zu Prag unbesetzt blieb. Unsere Gemeinde theilt hierin das Schicksal aller größeren Gemeinden Deutschlands, das durch ein von Männern der entgegengesetztesten Richtung getheiltes Mißverständniß hervorgerufen wurde und dessen Folgen schwer gefühlt werden. Die letzten Jahrzehnte des vorigen Jahrhunderts regten eine allgemeine Bewegung in den Geistern an und was die Encyelopädisten in großen ausgebreiteten Kreisen, das bewerkstelligte die Mendelssohnssä-e Schule in der jüdischen Welt. Nicht daß׳ etwa auch hier Frivolität und Herabziehen des Heiligsten das Banner bildeten: die Schüler Mendelssohns trugen wenigstens in ihren Schriften dieses nicht öffentlich zur Schau und der Meister selbst war von tiefer, ernster Frömmigkeit beseelt; aber es wurde durch sie ein besserer Geschmack angeregt und der Anstoß zur Bildung gegeben. Doch war die Bildung mehr wie bei der M.sschen Schule überhaupt eine schöngeistige: eigentliche Wissenschaft und Tiefe fehlte; man verschlang die TagesLiteratur und sog mit Lust den von den Franzosen herübergebrachten, . das Bestehende paralysirenden und nivellirenden Skepticismus ein. Daß Männern, die sich dieser Richtung Hingaben, die Rabbiner ganz überflüssig schienen, ist leicht begreiflich; aber selbst Gemäßigtere fanden die Besetzung der vacant gewordenen Rabbinersitze bedenklich. Die Rabbiner der letzten Zeit waren gewöhnlich nur mit talmubischem Wissen ausgerüstet: man fürchtete Hemmniß und Widerstand gegen die anbrechende Bildung und hielt daher für rathsamer, die Besetzung der leer gewordenen Rabbinerstühle zu Hintertreiben. Um so mehr wäre aber zu erwarten gewesen, daß die s. g. Frommen um so eifriger aus Berufung des Rabbiners dringen werden, auf daß sie unter seiner Aegide mit vereinten Kräften dem gemeinschaftlichen Feind entgegenwirken könnten. Allein es charakterisirt die Frommen der letzten und unserer Zeit, daß,^ wie ihnen das Verständniß für die Gegenwart, so in noch höherem Maße jeder Vor- und Einblick in die Zukunft abgeht. Die größeren Gemeinden hatten gewöhnlich in ihrer Mitte ausgezeichnete talmudische Gelehrte, die das Bedürfniß nach einem Rabbiner weniger fühlbar machten.. Die dem Sterblichen inwohnenden Leidenschaften der Selbst- und Ehrsucht machten sich geltend: Dieser strebte selbst nach dem Rab-- binersitz, Jener wollte keinen Höhern über sich anerkennen; es entstanden Parteien und es wurde jede Rabbinerwahl zurückgedrängt. Regte sich mitunter die Frage, welche Folgen sich hieraus für das religiöse Ge- « meindeleben und für das Wissen ergeben werden, so wurde der Gewiss

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.