Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 2 (1853)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Briefe aus Prag
- Date
- 1853-01-01
- Page
- 100 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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- IRI
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100 Briefe aus Prag. harten Versuchung selbst ein Uebergaug zu Besserem, ein Fingerzeig für die Rabbiner, sich den Gemeinden wahrhaft nützlich zu machen. Wenn aus früherer Zeit bemerkt wurde, daß man für Entscheidung ritueller Fragen des Kreisrabbiners nicht sehr bedurfte, so gilt dieses noch mehr für die Gegenwart: damals machten ihn Privatgel'ehrte überflüssig, jetzt scheint er hinsichtlich der rituellen Bescheide den meisten Nichtgelehrten entbehrlich. Aber es bietet sich eine neue Seite dar, die dem Kreisrabbiner eine nie als überflüssig zu erachtende, eine nie entbehrliche Wirksamkeit eröffnet: die Einwirkung aus den Jugendunterricht^). Auch die mit neuerer Bildung vertrauteren Rabbiner Böhmens scheinen noch nicht diese hohe Bestimmung in ihrem ganzen Umfang begriffen zu haben. Sie schlagen häufig einen Weg ein, der sie von dem von ihnen zu verfolgenden Ziele, das Vertrauen, der Gemeinden zu erwerben, weit abführt: sie gefallen sich darin, sich auf dem Felde der Verbesserungen und Reformen zu tummeln, die wenn auch gut gemeint in der Ausführung gewöhnlich scheitern und nur Zwiespalt und Zerklüftung zurücklassen. So bieten auch in der That manche Gemeinden Böhmens durch solche Versuche nur ein Bild der Zersplitterung und Verödung: das Alte wurde eingerissen, Neues nicht aufgebauet; die Gemeinden wurden mit Mißtrauen gegen ihre Rabbiner erfüllt, die weder durch tieferes Wissen noch durch echte Frömmigkeit sich Achtung zu erwerben verstanden; daher von einer Seite grenzenloser Unwille und die feindlichste Opposition gegen manchen Rabbiner, der (wie schmerzlich!) als Feind des Glaubens betrachtet wird , von der andern Seite die überhaupt unsere Zeit charakterisirende Gleichgültigkeit. Rur durch die Fürsorge für die Jugend können die Rabbiner dahin gelangen, das von Manchem unbesonnen verscherzte Vertrauen wieder zu gewinnen und ihre Stellung würdig auszusüllen. Freilich eine schwierige Aufgabe, aber was gelingt nicht dem großen, für Gott begeisterten Willen! Die Ausgabe ist schwierig, da in Böhmen noch zur Zeit der Unterricht ganz aus den Händen der Rabbiner genommen ist: den Elementarunterricht überwacht der Ortsgeistliche, der Religionsunterricht wird von in Prag geprüften Lehrern ertheilt, die das Bne-Zion oder׳ ein ähnliches Lehrbuch zur Unterlage nehmen. Aber dem Rabbiner verbleibt dennoch ein großer Kreis des Wirkens. Er besuche, wo jüdische Schulen bestehen (sehr viele Gemeinden Böhmens besitzen solche), die Schule an der *)׳Es wird hier noch allenthalben die Benennung ,,Kreisrabbiner" beidehalten, obschon seit 1850 an die Stelle der Eintheilung in Kreise, die, mehrere Kreise umfassende Bezirke getreten. Die Kreisrabbinerangelegenheiten sind jedoch noch nicht nach.dieser neuen Eintheilung geordnet, und es mußte daher noch die alte Norm als Leitfaden dienen.