Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 2 (1853)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Die neuere jüdische Literatur und ihre Bedeutung
- Date
- 1853-01-01
- Page
- Seite 55 (sequence 15)
- Language
- German
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55 Die neuere jüdische Literatur und ihre Bedeutung. Diese Mittel haben auch Großes gewirkt, so lange der Menschcngcist gleichsam in den Schatten der Phantasie und dämmernder Gefühle sich verborgen hatte; aber seitdem Denken und Wissen aus ihrem Verstecke hervorbrachen und der menschliche Geist wieder selbstständig zu arbeiten begann, wie verlassen stehen seitdem nicht die Gefilde der Religion, wie sehr nahmen Materialismus und Atheismus überhand, daß sie zuletzt das ganze Gebäude der bürgerlichen Gesellschaft zu erschüttern bedroheten. Der menschliche Geist, zum Bewußtsein gekommen,, sucht nur wieder im menschlichen Geiste Interpretation der höchsten religiösen Probleme. Wo sollte er sie aber finden? In den Systemen der Philosophen! Diese führten zum Theile nur vom Ziele ab, zum Theile waren und sind sie dem schlichten Verstände nicht klar genug. — Es muß daher ein Bedürfnis! für jeden geistig Gebildeten sein, dem die Wahrheiten der Religion um ihrer selbst willen, zur eignen Klarwerdung, zur Veredlung seines Gemüths und zur Verbreitung allgemeiner innerer Sittlichkcit, wirklich am Herzen liegen, nach einem Schriftenthume sich hinzuwcnden, das eben wie kein anders ein specifischrcligiöses ist, welches die wichtigsten religiösen Wahrheiten nicht als Philosopheme und nicht als Phantasicstücke oder als bloße Gefühlsergüsse hiustellt, sondern sie als Thatsachen geistiger Uebcrzeugung gibt, sie zum Mittel- und Kernpunkte hat, aus welchem unzählige Pflanzen „zur Lust für die Augen und angenehm zur Betrachtung", Erzeugnisse der unerschöpflichen und unerschlaffbaren Thätigkeit des Geistes hervorsprießen, darum sich schlingen und ranken'). Ein solches Schriftenthum ist das jüdische! Siebegreifen also in welchem Zusammenhänge es mit den allgemeinen Bestrebungen des menschlichen Geistes steht, welch practischen Einstuß für das Leben cs hat, und welche bedeutende in anderen Geistcsmonnmenten sich zeigende Lücke auszusüllen es grade in der Gegenwart berufen ist. Es wird Ihnen begreiflich geworden sein, wie nicht blos engere Fragen, die innerhalb des Kreises der jüdischen Lehre sich bewegen, sondern ebensowohl die höchsten Gott, Universum und Menschheit berührenden Sätze von allgemeinem Standpunkte aus Beantwortung darin staden; es wird Ihnen 4) Daß die jüdische Literatur eine religiöse Literatur im weiteren Sinne ist, wurde von mir bei Beurtheilung des Aunz'schen Werks „zur Geschichte und Literatur" noch anderweit ausgeführt in Franke^L' Zeitschrift Jahrg. 1846, Seite 269.