Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 1 (1851-1852)
- Issue
- Heft 10 (Juli 1852)
- Article
- Das Judenthum der Zukunft
- Date
- 1852-07-01
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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364 Das Juder.thum der Zukunst. reine G ottes bewußtst in, wie es in unserer Lehre sich kund thiit, der einzige Rettungsanker ist gegen die tobenden Wellen des Unglaubens und der Zweifclsncht'" Mit diesem tiefen und ahnnngsreichen Selbstgefühle vermochte der Jude des Mittelalters das Peinvollste zu ertragen. Mußte er auch, so zu sagen, die einathmende Luft verzollen und versteuern, so lächelte er doch ingrimmig-stolz darüber, seine Unterdrücker mehr bemitleidend als hassend. Alles was er duldete war ja zur Ehre und zum Ruhme des einigen, unsichtbaren Gottes, den er fest im Herzen bewahrte, nach dessen geoffenbartem Willen er lebte und auf dessen Heiligung und Verherrlichung all sein Sinne» und Trachten gerichtet war. Doch lassen wir jetzt den Vorhang Herabrollen über jenes düstere Gemälde aus früheren Zeiten und verweilen einen Augenblick bei einem späteren Geschlcchte. — Druck und Intoleranz, wenn auch noch nicht ganz beseitigt, schwanden allmälig. Da wo die Gegenwart zwar noch umschattet lag, umschwebten doch schon beste-- rer Zukunft Bilder die Hoffenden; es begann zu dämmern und des Tages Anbruch schien nahe. Geläutertere Ansichten über Religion, Menschenbildung und Menschenwürde hatten in Europa sich Raum erworben; man sah auch in dem Andersglanbenden nur den Menscheu, den Bruder, oder gab wenigstens vor, ihn darin zu sehen. Wie einst das Heidenthum, nachdem es in der äußern Erscheinung seinen Höhepunkt erreicht hatte und selbst die einzige, dem Dienste des unsichtbaren Gottes geweihete Stätte, der jerusalemische Tempel, zerstört war, seinen Lebensnerv verlor und allmälig zu sinken begann (welches die Talmudisten mit den Worten משהרב ביה״ם בטלה יה״ר של ע״ן sinnige ausdrückten), so war nun, nach ziemlich 1800 Jahren, der Stachel des specifischen Glaubenshasses abgestumpft; wo er noch zu verwunden schien, waren es Stechwerkzenge anderer Art, die menschliche Leidenschaft an dessen Stelle setzte und die allerdings zuweilen noch tiefer und schmerzvoller einschnitten. — Der Jude stand nun nicht mehr einsam und abgeschlossen, einzig und allein auf die hohe Warte seines Glaubens hinblickend, blos in den fernen Aussichten, die ihm von dorther wie Fata morgana sich öffneten, Heil und Hülfe schauend; der Himmel schien ihm nun bis zur Erde herabzureichen, ungewisse Zukunft in nahe sichere Gegenwart sich zu verwandeln. Kurz, er sah sich wieder unter Men« scheu versetzt, achtete darum auch Menschenthum und von allgemei« ner Menschenliebe war fein Busen erfüllt; er mußte sich erinnern, daß die heiligen Urkunden des Judenthums ja die höhere Bestim-