Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 83 (1939)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1939)
- Article
- Der literarische Kampf um die Emanzipation in den Jahren 1816-1819
- Date
- 1939-01-01
- Page
- Seite 654 (sequence 10)
- Language
- German
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Selma Sara Tåubler-Stern 6 54 schen und zugleich Burger eines christlichen Staates sein. Der Jude konne wohl in einem Verhåltnis zu der Regierung als Untertan, aber nicht zu dem Staat als Burger stehen. Solange die Juden also Juden blieben, d.h. solange sie die an ihre Religion gebundene „Volkstumlichkeit44 bewahrten, konnten sie nie mit dem Valke, unter dem sie wohnten, zu einer Einheit werden. Sie blieben geduldete Schutz- und Schirmgenossen, die man dureb strenge Handels vor - schriften, durch die AusschlieBung von Miinzgeschåften und Pachtungen und dureb die Wiedereinfuhrung der alten Abgaben von den iibrigen Staatsuntertanen absondern miisse. Soliten die Juden dagegen stark genug sein, sich zu entjudaisieren, d.h. den Ubertritt zum Christentum zu vollziehen - denn das wahrhaft sittliche Leben konne unter den christlichen Volkern nur ein christliches sein — so ist auch Rtihs bereit, die Juden als gleichberechtigte Burger in den Staat aufzunehmen. In dieser Schrift von Riihs wurde zum ersten Male das Motiv des christlichen Staates wirksam, das in vielen Abwandlungen die Auseinandersetzung zwischen Judentum und Deutschtum wåhrend der nåchsten Jahre beherrschen solite. Es war die immer wieder verkiindete Lehre, daB die Idee der christlichen Nation sich nicht mit der Idee der judischen Nation vertrage, daB die Juden erst nach Ablegung ihrer mit ihrem Glauben identischen Nationalitåt sich in das Leben, in die Sitten und die Einrichtungen des ehristlichen Staates einfugen konnten. Die gleichen Gedanken finden sich auch in der Schrift des Philosophen Eries: ,,Uber die Gefahrdung des Wohlstands und Charakters der Deutschen durch die Juden4c, die zuerst als Rezension des Ruhsschen Buches in den ,,Heidelberger Jahrbiichern der Politik4c im Jahre 1816 veroffentlicht wurde. Eries, der Vorgånger Hegels auf dem Heidelberger Lehrstuhl und spater Professor der Philosophie in Jena, ein schwårmerischer, mystisch veranlagter Mann, Kantianer und Herrenhuter in einem, iibte lange Zeit durch seine patriotisch-doktrinare Geschichtsphilosophie, mehr noch durch sein heiBes nationales Eeuer und durch seine religios-ethische