Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 83 (1939)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1939)
- Article
- Jüdische Geschichtsschreibung
- Date
- 1939-01-01
- Page
- Seite 588 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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588 Max Israel Gruenewald tum — ein ausgezeichnetes Vermögen hatte, das war seine Fähigkeit, nach dem Wert zu fragen, nach dem Beitrag, den sein Gegner für die Ordnung der Welt lieferte. Darin ist es oft gerecht bis zur Selbstpreisgabe gewesen. Philo preist den Kaiser Augustus, weil er Chaos in Ordnung verwandelt hat (leg. ad Gaium 21) und Schimon ben Lakisch bezieht das tov meod in der Schöpfungsgeschichte auf die Regierung der Römer, weil sie den Menschen die Rechtsmittel in die Hand gibt, ihr Recht zu verteidigen (Ber. r. 9). Mit dieser stereotypen Frage nach dem Wert hat das Judentum zuweilen sich selbst, aber nie die Welt ärmer gemacht. In dieser wiederkehrenden an die Welt und an die Völker gerichteten Frage dürfen wir aber auch eine der Methoden erblicken, mit denen das Judentum den Akt der Identifikation in der Geschichte vollzog, zumal in solchen Zeiten, in denen der Anschluß an die familiäre Tradition sich lockerte und der Zusammenhang mit der Überheferung durchbrochen wurde. Einem Volke, das seine Grenzen, sein geschichtlich gewachsenes Staatswesen, seine Sprache hat, mag es ein leichtes sein, sich in der Geschichte immer wieder zu finden. Anders ist es bei einem Volke, das zwischen den Kulturen wandert und die natürlichen Mittel eines Staates entbehrt. Hier bedeutet der Akt der Identifikation mit der dazugehörigen Aufgabe, lebendig zu bleiben und Initiative zu entwickeln, eine große geschichtliche Anstrengung. Sie wäre schon im Ansatz nicht möglich gewesen, wenn nicht bereits im Anfang der jüdischen Geschichte etwas gewesen wäre, was wir als ihren ersten bestimmenden Faktor ansprechen müssen, nämlich das Selbstbewußtsein des Judentums. Das Wissen davon, ein eigenes Volk zu sein, das sich unter die Nationen nicht rechnen läßt, ist unverhältnismäßig früh aufgetreten. Es hat sich in dem Maße geschärft, in dem die hochgespannten nationalen Träume verflogen sind, aber schon im .Anfang war es da, jenes wache Bewußtsein, das Grenzen zieht und sich nicht im Strome verlieren will. Darum haben wir auch eine so frühe Geschichtsschreibung. Wir halten hier bei dem ersten Geschichte konstituierenden Element: Es gibt keine Geschichte des jüdischen Bewußtseins ohne das Be-