Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 83 (1939)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1939)
- Article
- Religionsphilosophie und Religion
- Date
- 1939-01-01
- Page
- Seite 581 (sequence 14)
- Language
- German
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Religionsphilosophie und Religion 581 Geschenk ist aber im wesentlichen Aufgabe ringender Erkenntnis. Der wahrhaft Gläubige muß die Lehre allseitig durchleuchten und sie so bewußt sich zu eigen machen. Die Tora ist Lehrbuch in wärt״ lieber pädagogischer Bedeutung, sie fordert, daß der Mensch aus einem schlummernden triebhaften Erömmigkeitsleben zur Helle klaren Denkens heraüstrete. Gewiß wird das immer nur wenigen gelingen, doch diese übernehmen in ihrer geistigen Überlegenheit die Verpflichtung, das Volk zu belehren, ihm wenigstens die Grundgedanken echter Gotteserkenntnis nahezubringen. Dieser Standpunkt scheint mit der Zweideutigkeit jeder Aufklärung in ihrer Stellung zur Menge belastet. Das religionsphilos ophische Judentum ist immerhin der Klippe aristokratischen Hochmuts eher entgangen als manch andere Aufklärung, vor allem die des Averroismus; auch wieder darum weil ihre großen Vertreter niemals die national-religiöse Lebens Verfassung von sich ab streifen. Sie sind selber Gesetzeslehrer und wurzeln alle ihrem persönlichen Lebensziel nach in der Volksgemeinde. So bleibt es gelebter und gelehrter Gesetzestreue zu danken, daß der Organismus des Judentums die Religionsphilosophen ebenso vertragen hat wie die Kabbalisten. Die Kraft volkhaften Einflusses war stark genug, um das praktisch jüdische Leben vor Aushöhlung durch das Denken zu bewahren. Aber die Versetzung der Tatfrömmigkeit an einen zweiten Platz, wo sie nur Vorstufe zur höheren, zur allein wahren Denkreligion ist, verrückt die Grundlage ursprünglichen jüdischen Bewußtseins. Mochte man in der begrifflichen Konstruktion die beiden sich nicht ansschließenden Gebiete verknüpfen, — eine wirkliche Einheit kam nicht zustande, es bleibt eine Unausgeglichenheit sachliehen Charakters. Denn was im persönlichen Leben überbrückbar ist, wc« tief wurzelnde Praxis sich über innerliche Fremdheit von Gedanken hinwegzusetzen vermag, bildet darum noch keine echte Einheit. Im Selbstgefühl dieser Denker ist von einem solchen Bruch freilich nichts zu spüren. Das überschauende Urteil aber kommt zu dem Schluß, daß ihre gedankliche Klärung den Gegenstand wesentlich gewandelt, daß sie ihn zu einer neuen, der religionsphilosophischen Stufe der Religiosität geführt hat.