Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 83 (1939)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1939)
- Article
- Das Problem der Kontingenz in der Philosophie des Maimonides
- Date
- 1939-01-01
- Page
- Seite 430 (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2829132-2830039-2830041-2850797--56114-2851280- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
430 Julius Guttmann nach unten hin mit eindeutiger Bestimmtheit abzugrenzen, hält Maimonides an ihrem Begriff mit voller Sicherheit fest. Er will dem Nachdruck seiner Polemik gegen, den Kalam keinen Abbruch dadurch tun, daß er im unmittelbaren Anschluß an sie auf die Unsicherheit der Grenzen zwischen verstandesmäßiger und phantasiemäßiger Anschauung hinweist, und ebensowenig fühlt er sich in seiner Kritik des Aristotelismus dadurch beirrt, daß sich die Grenzen des absolut Unmöglichen nicht mit voller Evidenz bestimmen lassen. Mit Recht sieht er in der scharfen Herausarbeitung des Begriffes der Naturnotwendigkeit und ihrer auf die gegebene Wirklichkeit begrenzten Geltung die Überwindung der Einseitigkeiten der beiden extremen Positionen. Die Abstufung des Not- Wendigkeitsgedankens und die sich daraus ergebende Sonderung der verschiedenen Seiten und Stufen des Kontingenzgedankens ist in der Tat der entscheidende Fortschritt, den seine Erörterung des Problems bringt. Die letzte Rechtfertigung seines Standpunktes freilich konnte ihm mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln nicht gelingen. Die von ihm bemerkte Problematik der Evidenzlehre hat eine ungleich größere Tragweite, als er ihr offenbar zuschreibt. Sie betrifft nicht nur die Unsicherheit der Abgrenzung zwischen echter und scheinbarer Evidenz, sondern das Problem der Evidenz als solches, und nur eine grundsätzliche Klärung dieses Problems kann hier die Lösung bringen. Die Notwendigkeit einer solchen grundsätzlichen Klärung besteht insbesondere auch für die spezifische Notwendigkeit der Naturgesetzlichkeit- Maimonides hat ihren besonderen Geltungscharakter erkannt, ohne ihn doch zu letzter Rechtfertigung bringen zu können. Aber wenn ihm auch die Bindung an die herkömmliche ontologische Denkweise den Einblick in die volle Tragweite des von ihm aufgeworfenen Problems verschlossen hat, so bleibt doch die Stellung des Problems als solches ein hohes Verdienst, und es ist von eigenartigem Reiz, wie ihn in der Exponierung desselben die innere Logik der Fragestellung gleichsam ohne sein Wissen über die Grenzen der eigenen Position hinausführt.