Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 83 (1939)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1939)
- Article
- Die Stellung des Minhag im Talmud
- Date
- 1939-01-01
- Page
- 226 (sequence 1)
- Language
- German
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Die Stellung des Minliag im Talmud Von Alexander Guttmann Bevor wir auf die Erörterung des Minliag in talmudischer Zeit eingehen, sei eine Bemerkung zum Gebrauch des Ausdrucks ״Minhag“ gestattet1. — Seinem Stamme nach bedeutet Minhag ״Führung“. Im Leben des Alltags erfuhr der Gebrauch des Wortes ״Minhag“ eine starke Erweiterung. Man vergleiche die häufig gebrauchten Wendungen מנהגו של עולם B. B. 15b u. ö. עולם כמנהגו נוהג A. Z. 54b u. ö.בנוהג שבעולם jer. Ber. 1,1 u. ö.; ferner den vielfältigen Gebrauch des ״Minhag“ und seiner Derivate in der aggadischen Literatur. Hier interessiert uns jedoch der Minhag lediglich in seiner speziellen Bedeutung als Fachwort der Talmud-Hochschulen in Palästina und Babylonien. In der Schulsprache erscheint der Minhag überwiegend als ergänzender Begriff der Halacha, insbesondere für Einzelheiten einer Halacha, die schulmäßig unbestimmt blieben. Aber auch dort, wo er nicht unmittelbar der Halacha angehört, bezieht er sich fast immer auf religiöse Übung oder juristische Praxis, die im Talmud (wie in der Bibel) ebenfalls in den Bereich des Religionsgesetzes gehört. Vor der Erörterung im einzelnen möchten wir noch folgendes hervorheben: Die Minhagim sind nicht nur zeitbestimmt und von Periode zu Periode verschiedenen Wandlungen unterworfen, sondern auch örtlich bestimmt. Innerhalb einer Periode können bekanntlich verschiedene Minhagim herrschen. Verschieden sind die Minhagim auch dem Ursprung, wie dem Werte nach. Der Ursprung kann ein Gesetz sein, das durch den Lauf der Geschichte aufgehoben wurde, wie z. B. der Tempelkult, Schemitta und Jobei, und nur noch in einzelnen Resten als Minhag fortlebt. Minhag kann auch fromme Nachahmung der Handlungsweise von hervorragenden Persönlichkeiten sein. Ein Erlebnis, gewisse 1 Vgl. A. Guttmann in der Baeck-Festsckrift, Berlin 1938, S. 55.