Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 83 (1939)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1939)
- Article
- Die Scheu vor Unbekanntem, Unbenanntem in Agada und Apokryphen
- Date
- 1939-01-01
- Page
- Seite 184 (sequence 15)
- Language
- German
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184 Bernhard Heller Vorstellungskraft und reichen Gedankengehalt ausgezeichnetes Gedicht. Schlußfolgerung Von den Midraschwerken steht den Apokryphen am nächsten das freilich schon im Kreise des Islams entstandene Pirqe R. Elie~ zer, welches gleicherweise zusammenhängende Legendenkränze windet. Auch ihm ist die Scheu vor Anonymen eigen. Lots Weib heißt פלוטית, seine Tochter עדית, der Führer des aus Ägypten vorzeitig stürmenden Ephraim מבון, die Frauen Ismaels Ajischa und Fatima.—• Pirqe R. Eliezer wird überboten vom ספר הישר, welches z. B. in der Völkertafel (wohl nach Josippon), die Abkömmlinge Nachors, sogar die vier Zeugen, die den Kauf der Machpelahöhle bezeugten, die Nachkommen Moabs, Ammons, Abrahams und (mit mehreren arabischen Namen) Keturas sowie Ismaels namentlich aufzählt. Den Gipfel dieses Strebens dürfen wir wohl in der Chro ־ nik Jerachmeels erblicken, wo z. B. elf Söhne, acht Töchter Adams genannt werden, ebenso die Ehefrauen, Söhne und Töchter der ersten zehn Geschlechter (XXVI), die Nachkommen der Söhne Noes (XXVII, noch reicher XXXI). Im Jerachmeel wird überhaupt Biblisches, Agadisches, Griechisches, Lateinisches kühn durcheinandergemengt. Was die Scheu vor Anonymen (Mubhamat) im Islam angerichtet hat, macht uns Goldziher (Richtungen der islamischen Koranauslegung, 1920, S. 289—306) klar. Da wird sogar darüber gestritten, ob die Ameise, welche den König Salomo zur Rede stellt, Tächija oder Hazmä hieß. Dieser Abschnitt in Goldzihers Werk ließe sich noch nach einer andern Seite fortführen: die islamische Legende hat auch für die Erzählungen unserer Bibel eine Fülle von Namen ersonnen, z. B. einen für den Pharao zur Zeit Josephs, einen für den zur Zeit Moses. In den späten Werken, die Verwandtschaft mit den Apokryphen aufweisen, im Pirqe R. Eliezer, mehr noch im Josippon, Sefer Hajaschar, Jerachmeel wird das erhaben Biblische, das urwüchsig Agadische, oft verdünnt. Es ist kein Fortschritt, vielmehr Verfall.