Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 83 (1939)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1939)
- Article
- Dubletten in Gebetstexten
- Date
- 1939-01-01
- Page
- 142 (sequence 1)
- Language
- German
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Dubletten in Debetstexten Von Arthur Israel Spanier Man ist vielfach gewöhnt, die Entwicklung der jüdischen Liturgie sich im Bilde eines stetig wachsenden Organismus vorzustellen. Es ist ein weitgehend anerkannter Grundsatz, daß lange Gebete auf kürzere Formen zurückzuführen seien und daß die Vielfältigkeit, die sich in den verschiedenen Riten ausprägt, auf eine ursprüngliche Einheitlichkeit zurückweise. Der Philologe pflegt, wenn er verschiedene Handschriften oder gar verschiedene Rezensionen ein und desselben literarischen Werkes vor sich sieht, den ,,Archetypus‘4 zu suchen, und er überträgt diese Forschungsweise unwillkürlich auch auf liturgische Texte. Dennoch fragt es sich, wie weit das mit Recht geschieht. Daß letzten Endes auch auf unserem Gebiet die Einheitlichkeit vor der Mannigfaltigkeit liegt, soll natürlich nicht in Frage gezogen werden. Nur dürfte die Entwicklung in ihrem Verlauf nicht immer so gradlinig gewesen sein, wie es vielfach — nicht so sehr in der Theorie, aber doch in der Praxis der wissenschaftlichen Einzelarbeit — angenommen wird. Gewiß wird, nachdem die ersten Anstöße zum Werden des Gemeindegebetes gegeben waren, ein üppiges Sprießen und Blühen eingesetzt haben. Es wird sich ein Stamm von gedanklichen Motiven entwickelt haben; zu den ältesten Motiven werden bald neue hinzugekommen sein, die die älteren zu erweitern oder auch zu ersetzen bestimmt waren. Die einzelnen Motive werden der mannigfachsten Ausprägung fähig gewesen sein, und wandelbar und vielfältig war sicherlich vor allem auch die Art, die Motive zu verbinden und zueinander in Beziehung zu setzen. Dem Betenden oder Vorbetenden war in jener Zeit von der Überlieferung ein reicher Schatz von Möglichkeiten geboten, mit dem er schalten und walten durfte.