Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 81 (1937)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Der Menschensohn
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 24 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2829132-2830023-2830025-2850410--54449-2850479- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
24 Lea Baeck die Menschensohnschaf t betont, je heftiger das Ringen war, desto nachdrücklicher. Der Menschensohn ist in dieser Anseinandersetznng zum Losungsworte geworden, das sich durchgesetzt hat. Hatte der Barnabasbrief noch den Satz wagen dürfen: ״Jesus, nicht Sohn eines Menschen, sondern Sohn Gottes“, so schreibt nun Ignatius an die Epheser: ״Jesus Christus, der Sohn eines Menschen und Gottes“. In den Worten des Irenaus, die diesem Wege folgen: ״Filius dei filius hominis factus“ hat die katholische Kirche endgültig ihre Lehre erkannt. Der ״Menschensohn“ ist aus einem Bilde jetzt ein fester Begriff, ein wesentlicher Bestandteil des Dogmas geworden. Die Hellenisierung unseres Wortes hat sich vollzogen17.! In diesem Kampfe gegen die Gnosis, der ein Kampf um den Menschensohn war, ist die Kirche ihrer selbst gewiß und ist sie zur katholischen Kirche geworden. Um ihn zu bestehen, hat sie den neutestamentlichen Kanon geschaffen. Im Evangelium des Kanons hat der Menschensohn seinen Platz erhalten, und es wird jetzt begreiflich, weshalb er dort eine der häufigsten Bezeichnungen Jesu ist, weshalb er bisweilen, wenn Jesus von sich spricht, das ״Ich“ ersetzt. Er gehört in die siegreiche Christologie der Gemeinde, in das Evangelium der Kirche. Nicht nur ״wie ein Mensch, der mit den Wolken des Himmels kommt und vor Gott hintritt“, ist er hier, sondern der Gottessohn, welcher Menschensohn geworden ist. Der dogmatische Accent bestimmt hier das Wort. Wie unser Wort seinen Weg von der alten Dichtung der Bibel zur Apokalypse genommen hatte, so ist es nun aus der Apokalypse in den Bereich der kirchlichen Begriffe eingetreten. Sein Weg ist ein Weg der Religionsgeschichte. 17 Wenn der Barnabas-Brief, falls 163 f. so zu deuten sein sollte, erst der Zeit Hadrians angehörte, so hätten wir in seinem Satze einen letzten Einspruch gegen die kirchliche Lehre vom Menschensohn. Der Hebräerbrief 26 konnte den ״Menschensohn“ von Fs 85 schon auf den Messias deuten; vergl. I Kor 1527 u. Eph 122. Zu Irenaeus und dem kirchlichen Dogma vergl. Harnack, Dogmengeschichte I4 S. 596 f. u. 606 f. Anm.. Wenn Harnaek in der Gnosis eine ״akute Hellenisierung“ findet, so darf daran erinnert sein, daß vor allem eine Hellenisierung des Wortes ihre Wirkung ausgeübt hat.