Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 79 (1935)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Religion und Philosophie im jüdischen Denken der Gegenwart
- Date
- 1935-01-01
- Page
- 1 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2829132-2830007-2830009-2850193--53154-2850228- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Religion und Philosophie im jüdischen Denken der Gegenwart. Von Albert Lewkov/itz, Das jüdische Geistesleben der Gegenwart wird in Zustimmung und Ablehnung von der Philosophie Hermann Cohens entscheidend bestimmt. Die Synthese7 die Religion und Philosophie im Cohenschen System gefunden haben, bildet den Ausgangspunkt für die Problemstellung der Gegenwart. Daß Religion und Philosophie in der Philosophie Cohens einen Ausgleich gefunden haben, ist zu tiefst in der Persönlichkeit Hermann Cohens begründet, in der mit einer in der jüdischen Geistesgeschichte vielleicht nur in Maimonides und Spinoza gleichen Ursprünglichkeit die Kraft des religiösen Bewußtseins mit einer starken Energie des wissenschaftlichen Wahrheitssuchens vereinigt waren. Cohen stand religiös und philosophisch in tiefem Gegensatz zu seiner Zeit, in der der Siegeszug der Technik, die Wucht wirtschaftlicher und sozialer Probleme den Blick ganz auf naturwissenschaftliche, soziale und politische Aufgaben richteten, und in der auch die Geisteswissenschaften als Sozialwissenschäften neu verstanden wurden. Gegenüber diesem Naturalismus, der auf dem Boden der Naturwissenschaft erwachsenen Weltanschauung, brachte Cohen den idealistischen Geist der Kantischen Philosophie mit machtvoller Energie zur Geltung. Im Ringen um die Anerkennung der Selbständigkeit des Gei- £tes als des Organs einer von eudämonistischen Zielsetzungen freien Wahrheitserkenntnis erwies Cohen, an die Methode Kants anknüpfend, daß der Naturalismus mit seiner Leugnung einer autonomen, freien Erkenntnis sich selbst widerspreche. Grade die Naturwissenschaft diente Cohen wie Kant als Objekt der erkenntnistheoretischen Analyse zum Nachweis, daß die mathematische Naturwissenschaft in ursprünglichen Synthesen des erkennenden Geistes wurzle, der Naturalismus also den Grund der Erkenntnis leugne, der seine eigne Weltanschauung trage: die Freiheit und Objektivität des erkennenden Geistes. Monatsschrift, 79. Jahrgang 1