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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1934-01-01 · Heft 1 · p. Seite 184

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
78 (1934)
Issue
Heft 1
Article
Das Motiv vom veruntreuten Depositum in der jüdischen Volkskunde
Date
1934-01-01
Page
Seite 184 (sequence 2)
Language
German
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184 A. Marmorstein der Synagoge. Darüber hinaus erinnern die Rabbinen im Ge־ brauche dieses Stilmotivs lebhaft an stoische Denker, an arabische Märchenerzähler und an Erzeugnisse der Volksdichtung in verschiedenen Ländern. Die von Stoikern, wie Epiktet1. und Seneca2, vorgetragene Lehre, daß das Leben ein Pfand ist, wird schon im Lehrhause und im Kreise des R. Jochanan ben Zakkai geäußert. Um ihn über den Verlust seines Sohnes zu trösten, vergleicht R. Eleazar ben Arach das Leben mit einem Pfände: ein König deponiert ein Pfand bei einem Bürger, dieser weint und jammert, bis er sich des Pfandes entledigt hat3. Gott ist der König, R. Jochanan b. Zakkai der Pfandhüter, sein Sohn das Pfand. Die tannaitische Literatur zeigt auch sonst Spuren dieser Gleichsetzung von Pfand und Leben. In einer gegen gnostische Ideen gerichteten Predigt4, in welcher die Gerechtigkeit Gottes verteidigt wird5, heißt es: Ein Mann deponiert bei seinem Freunde 200 (Dinar), er schuldet ihm 100. Wenn er sein Pfand zurück־ fordert, sagt er: Nimm dir deine Schuld, und gib mir den Rest. Gott aber stattet erst das Depositum zurück, und dann kassiert er das Seinige ein. In einer anderen anonymen Predigt lesen wir folgendes Gleichnis: Es gab einst in einer Stadt einen vertrauenswürdigen Mann, bei dem alle Leute ihre Deposita aufbewahrten. So oft einer kam und sein Depositum verlangte, gab‘er es ihm sofort; denn er wußte, wo es liegt. Forderte man es aber durch einen Sohn, einen Sklaven oder Boten ein, so mußte er gründlich nachsuchen, denn er wußte nicht, wo es ist. So auch Gott! Wenn er die Seelen der Frommen nimmt, so nimmt er sie behutsam; aber die der Frevler werden schlechten und grausamen Engeln übergeben, damit sie ihre Seelen fortreißen6. Die Seele des Frommen ist das vom Eigentümer selbst ausgelöste Depositum, die des Frevlers das von Boten oder Fremden geforderte. 1 S. Bergmann, in Cohen-Festschrift Jüdaica S. 154. 2 ad Marc. 10,1. 3 Aboth R. Nathan I. 14, ed. Schechfcer, S. 59. 4 S. Marmorstein, The Background of the Haggadah S. 150 ff. 5 Sifre Deut., § 307. 6 Ebd. § 397.

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