Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 77 (1933)
- Issue
- Heft 1
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1933-01-01
- Page
- Seite 65 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2829132-2829991-2829993-2849752--51803-2849841- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Besprechungen 65 2. B. mit großer Entschiedenheit Stellung gegen die Blutanklage und die Beschuldigung• der Hostienschändung, sucht sie aber doch in ,,symbolischer Bedeutung“ verständlich zu machen 1! ,,Die Juden schändeten zwar keine Hostien, schädigten aber das Christentum, wo und wie sie konnten; sie tranken zwar nicht das Blut christlicher Kinder, aber durch ihren Wucher .׳sogen sie das Volk bis aufs Blut aus (S. 246)“. Der Verf. urteilt an anderen Stellen nicht so, wie überhaupt mancherlei -Widersprüche sich in dem.Buche linden1. Zu den grundsätzlichen Widersprüchen gehört die starke Abhängigkeit des Verfassers von Grätz, obwohl. Verf. dessen Auffassung und Darstellung wenig Sympathie entgegenbringt. Bedauerlicherweise hat der Herausgeber daran nichts geändert und manchen Irrtum von Grätz auch in die neue Auflage mitübernommen, wo die Forschung ihn längst berichtigt hat. Drei Grundübel oder Fehlerquellen sieht der Verfasser am Judentum, und er wird nicht müde, sie hervorzuheben: das sind der Talmud, die Kabbala und das Polentum. Dieses Urteil ist, namentlich im ersten Punkte, von der älteren christlichen Theologie beeinflußt, aber sicher unter dem Eindruck der Geschichte von Grätz stark verschärft. Im Talmud sieht Heman •nur eine Veräußerlichung und Verknöcherung der jüdischen Religion; er vermißt u. a. die Bibelauslegung (S. 59) und übersieht, daß der von ihm *erwähnte Midrasch Bibelauslegung ist, daß die Juden niemals einseitig nur die Thora gepflegt und etwa die Propheten und Hagiographen vernachlässigt hätten; er übersieht, daß die Juden wohl die Übung des Gesetzes streng befolgten, aber als Grundlage für seine Beobachtung einen tiefen •Glauben hatten, der in der Messiaserwartung seinen Höhepunkt fand. Wo hätten die Juden sonst die vom Verfasser anerkannte Kraft zum Dulden und zur Wiedererhebung hergenommen? Neben der gesetzlichen Richtung geht durch die ganze jüdische Geschichte eine mystische einher, die gerade das leistete, was der Verfasser vermißt, die den Forderungen des Gemüts rind der Glaubensseligkeit zum Durchbruch verhall. Dem Kusari Jehuda Tlajevis wird begeisterte Anerkennung gezollt, weil dieser zuerst mit Entschiedenheit die Berechtigung des Glaubens neben der Philosophie vertrat {SV121) — Jehuda Ilalevi ist einer von den Befürwortern des Irrationalen innerhalb des Judentums, aber weit mehr in den Mittelpunkt gestellt wurde •dieses durch die Kabbala, an der der Verfasser nichts Gutes findet2. Hier ist er den Übertreibungen von Grätz und seiner durchaus rationalistisch 'eingestellten Generation ebenso zum Opfer gefallen wie in der Beurteilung •des polnischen Judentums und des Chassidismus, obwohl die Geschichts- Forschung dieses einseitige Urteil längst revidiert hat. 1 Nur ein Beispiel: Das Alenu-Gebet wird S. 186 und S. 315 in ver- :schiedenem Text zitiert, an letzter Stelle in dem älteren, viel angefeindeten, an erster in dem jüngeren, heilte üblichen. 2 Er scheint den Kern der Kabbala, wie S. 315 u. zeigt, in Zahlen- und Buchstabenspielereien gesehen zu haben. .MoaS&krift, 77. Jahrgang 5