Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 74 (1930)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Wer ist Abraham Aron Lichtenstadt?
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 35 (sequence 1)
- Language
- German
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35 Wer Ist Abraham Aron Lichtenstadt? Von Dr. Tobias Jakobovits in Prag. Abraham Aron, fürstl. Sachsen-Lauenburgischer Hofjude1 und Primator der Landesjudenschaft in Böhmen2 ist entschieden die markanteste, einflußreichste und interessanteste Gestalt unter seinen Zeitgenossen in Böhmen. Als Primator der Landjuden war er berufen, unterstützt durch seine hervorragende Geisteskraft in Verbindung mit seinem Reichtum und Ansehen, überall als Fürsprecher der Juden aufzutreten und gegen deren zahllose Bedrückungen und Leiden erfolgreich einzuschreiten. Ob es sich um Ausweisungen von ganzen jüdischen Gemeinden, Familien oder Einzelpersonen, ob es sich um Entrechtung seiner Glaubensgenossen bei Abwicklung ihres Handels in ihren Wohnsitzen und auf den Märkten, oder ob es sich um Schmähung des jüdischen Namens handelt, überall sehen wir ihn mit dem Aufwande seiner ganzen Persönlichkeit zur Abstellung dieser Uebel die notwendigen Schritte unternehmen. Es entspricht vollkommen der Wahrheit, wenn von ihm behauptet wird, ,,er habe Tausenden und Zehntausenden Juden das Leben und die Existenz gerettet‘ \ Abraham Aron begegnet uns zuerst am 24. April 1671 als fürstl. sächs. Hofjude, als er von zwei Kaufleuten aus Basel Wolle bezog und gegen sie wegen schlechter Belieferung Klage führt3. Von da ab können wir ununterbrochen seine großen weitverzweigten Handelsgeschäfte in allen Archiven Prags und der Provinz verfolgen.. Seine Tätigkeit als erster Landesdelegierter dürfte er mit der von der böhm. Kammer angeordneten ,,Spezifikation (Konskription) der auf dem böhm. Lande befindlichen Juden aus Oesterreich“ begonnen haben, die er, nach Kreisen, Herrschaftsbesitzern und Ortschaften mit Angabe der Namen und Herkunftsorte der Juden geordnet, am 13. Februar 1673 überreichte. Doch erst am 3. Juli 1673 erhielt er und die übrigen Delegierten und Beisitzer hierzu das kais. ,,Patent“. Von dieser Zeit an trägt auch die ganze Tätigkeit der Landesjudenschaft den Stempel seiner rührigen und tüchtigen Persönlichkeit, die nicht das kleinste Unrecht, ohne dagegen einzuschreiten, durchgehen ließ. Ein besonderes Verdienst hat sich Abr. Aron um die Juden von Plan bei Marienbad erworben. Als nämlich die Gräfin Maria Maxirniliana Theresia Collaldo, geb. Gräfin von Althau, i. J. 1680 ,,aus purer Liebe zu Gott“ alle Juden von Plan ausgetrieben hatte und ,,aus der jüd. Synagoge eine christlich katholische Kapelle“ erbauen wollte, da überreichte unser Abr. Aron flehentliche Bitt- 1 Die Herrschaft Schlackenverth, darunter Lichtenstadt, der Wohnsitz Abr. Arons, gehörte von 1666 dem Julius Franz, Herzog von Sachsen-Lauenburg, dieser hinterließ sie 1689 seiner Tochter Augusta Sybilla, welche mit dem Markgrafen Ludwig Wilhelm zu Baden-Hochberg vermählt war. 2 Prag ausgenommen; vgl. Tobias Jakobovits, Jüd. Gemeindeleben in Kolin im Jahrbuch der Ges. f. G. d. J. d. C. S. R., Prag 1929 S. 336 f. u. 365. 3 Die vorliegende Arbeit beruht, wenn nichts anderes angegeben ist, auf folgendem Aktenmaterial im Archive des Ministeriums des Innern in Prag: st. #m. J4/!, J4 */23, J7/70; Dekretenbücher der Statthalterei Nr. 457, 489, 499, 026, 646, 652, 669*720; Kaiserliche Dekreten der betreffenden Jahre. 3*