Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 73 (1929)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1929)
- Article
- Die Auflösung des Gelübdes
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 34 (sequence 2)
- Language
- German
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u eintretende Erschiittening, die das Leben eines Volkes aufzurütteln vermag, überwunden. Wohl bleiben auch dann Rudimente, die vermittels eines Rückschlusses eine Rekonstruktion der alten Vor- Stellungen ermöglichen. Das Gelübde bewirkt den Eintritt in das Tabustadium. Der alte Vorstellungskomplex befindet sich in der talmudischen Zeit inmitten eines Abbröcklungsprozesses, der Konservatismus der Juden jedoch vermöchte einige Erinnerungen an die alten Vorstellungen aufzubewahren. Ein Amoräer meint, daß der Vovent sein Leben verwirkt, falls er das Gelübde nicht einlöst1, ein anderer weiß tatsächlich von einem solchen Fall zu erzählen2. Nach der Ansicht anderer Gelehrten verschulde er dadurch den Tod seiner Frau3. Sehr verbreitet ist die Ansicht, daß die Kinder des Sünders das Racheobjekt der Gottheit sind4 *, und die Talmude wissen sogar über solche Fakta zu berichten6; Von besonderem Interesse ist folgender Fall: Ein Mann sagte .zu seinem Weibe: ,,Konam dein Genuß von mir, wenn du von deiner Speise R. Jehuda und R. Simon nicht wirst kosten lassen6. R. Simon sagte: es sterben eher die Kinder dieser Witwe, als daß R. Simon von seiner Stelle weiche7/' Dieser Glaube scheint solch tiefe Wurzel im Volke gefaßt zu haben, daß er uns noch in talmudischer Zeit mit voller Kraft entgegentritt. Daß die Kinder das einzige Racheobjekt geworden sind, ist eine Einschränkung, die auf Grund der Erfahrungen erfolgte, welche eine vollständige Vernichtung des Sünders samt seiner ganzen Familie nicht mehr gestatteten. Das häufige Sterben der Kinder konnte jedoch noch immer als ein Racheakt der Gottheit für die Verletzung des freiwillig herbeigewünschten Tabu angesehen werden. Die Rekonstruktion des alten Vorstellungskomplexes erfolgt sowohl durch die Verallgemeinerung der von verschiedener Seite geäußerten Ansichten, als auch durch die Sammlung der auf uns gekommenen Vorstellungssplitter. Solange aber die Verletzung des selbst herbeigeführten Tabu die denkbar größten Katastrophen auf den Voventen heraufbeschwören konnte, war die Auflösung eines Gelübdes im geläufigen Sinne ganz undenkbar, denn die nichteingelösten Vota konnten keinesfalls der Rache der Gottheit entgehen. I. Alte Halachoth. Es gibt eine ansehnliche Zahl von versprengten Halachoth, die auf das alte Vorstellungsgewebe zurückgeführt werden müssen, wenn 1 R. Mani, Koh. R. 52. 2 R. Hunah, ibid. Zu טבעד. ספינתו בים ומת vgl. die Styxeide bei den Griechen; Hirzel, der Eid 171 ff. S. bes. Hirzel 161. 3 B. Sabbat 32b, Tos. ibid 29 und die parallelen Midrasim nach der Angabe Jellins im יפה עינים zur Stelle in Sabbat. 4 B. Sabbat 32b, Ket. 72a, jer. Sabb. 2Ö, Kallah 1 u. a. m. 6 B. Gittin 35a, ähnlich jer. §eb. 6ß, Lev. R. 63, vgl. Num R. 22! und Tanh. 1 מטות. 6 Zum Ausdruck עד שתטעימי תבשילך vgl. Tos. Ket. 75, wobei derselbe Passus nach dem Zusammenhang sich auf den Konkubitus beziehen dürfte. ועוד כי היבי דלא לחרנלי לט:דר ל ist Zusatz, der das Befremdende an der Aeußerung R. Simons ein wenig mildert.