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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1929-01-01 · Heft 1-2 (Januar 1929) · p. Seite 5

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
73 (1929)
Issue
Heft 1-2 (Januar 1929)
Article
Aus der neuesten Mischnaliteratur [Rezension]
Date
1929-01-01
Page
Seite 5 (sequence 2)
Language
German
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.5 eine wahre Religion abgeben, so könnte jeder begabte Dichter die herrlichste Religion bilden, indem er die schönsten Lehren zu einem System vereine. Der ganze kleinliche Theologenstreit um die Vorzüge der eigenen Religion mutet daher recht sonderbar an. Dagegen ist es Pflicht jedes Menschen, Männer von edler Gesinnung imd hohem Ideale gegen Verunglimpfung und Verleumdung in Schutz zu nehmen. Und darum handelt es sich hier! Das Bild der Pharisäer ist auf den großen Teil der Nachwelt in der entstellten und verzerrten Art gekommen, in der es von ihren Feinden im Neuen. Testament entworfen wurde. Trotzdem die rabbinische Literatur allmählich in weiteren christlichen Gelehrtenkreisen Eingang findet, hat sich im allgemeinen an der Bewertung der Pharisäer nur wenig geändert. Von wenigen Ausnahmen ־— besonders in Amerika und z. T. auch in Deutschland.— abgesehen, wird gewöhnlich danach gestrebt, die Lehren der Pharisäer nach dem allgemein entstellten Bilde umzubiegen und herabzusetzen. Und da interessiert mich oft die Frage, welche Stellung die pharisäerfeindlichen Theologen zu den schönen Lehren der Pharisäer im Pirke Abot nehmen und ob sie Parallelen im Neuen Testament für diese nachzuweisen vermögen. Für den weitaus größten Teil der Morallehren im N. T. lassen sich bekanntlich rabbinische Parallelen anführen. Ist dies aber auch mit den Sprüchen der Väter der Fall? Lassen sich für diese Perlen wahrer Menschenliebe und Gottergebenheit auch im N. T. Parallelen finden? Aus diesem Grunde habe ich ganz besonders den Gießner Kommentar mit größtem Interesse gelesen und geprüft. Die wichtigsten Ergebnisse dieser Studie sollen hier dargelegt werden. Der Kommentar hat, wie bereits angegeben, zwei Verfasser. Von Marti stammt die Bearbeitung der ersten drei Kapitel und die Uebersetzung der Mischnajot 1—4 im vierten Kap.; alles andere rührt von Beer her. Ich stelle mit Genugtuung fest, daß Beer in seinen Erklärungen ziemlich korrekt und objektiv ist. Die schönen Sprüche ringen ihm die höchste Anerkennung ab. So erklärt er beispielsweise zu IV 17, wo R. Jakob lehrt: Wertvoller ist eine Stunde in Buße und guten Werken in dieser Welt als das ganze Leben der künftigen Welt usw.: ,,Der ganze Spruch ist eine der Edelperlen in dem Goldschmuck der religiös-sittlichen Gnomik des Judentums" (S. 108), und an einer anderen Stelle sagt er von den VI 5 aufgezählten Eigenschaften, durch die die Thora erworben werden kann, daß neben den formalen guten ,,Eigenschaften, die freilich auch dafür Zeugnis ablegen, eine wie ernste und heilige Sache dem Pharisäer das Studium des Buches der Bücher sein soll, ... als materielle Eigenschaften großzügige Tugenden genannt (werden), die zu besitzen für jeden Menschen, er sei Jude oder Christ, wünschenswert ist. Hierher gehören die Liebe zu Gott urid zu allen Menschen, Freudigkeit, Barmherzigkeit, Duldermut, Bescheidenheit, Wahrheitssinn, Friedfertigkeit und, um die Hauptsache zu nennen, ein gutes Herz" usw. (S. 171). Einmal sagt er auch, daß ,,wir die Pharisäer als feinfühlige Seelenforscher und Seelsorger kennen lernen" (S. 109). Daß sich bei ihm auch manche schiefe Auffassungen und einige Irrtümer finden, kann uns nicht daran hindern, sein ehrliches Streben, die Lehren der Pharisäer vorurteilslos zu verstehen, gebührend anzuerbennen. Ganz

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