Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 73 (1929)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1929)
- Article
- Lessings Religion
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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die Religion, ehe eine Bibel war . . . Aus ihrer inneren Wahrheit müssen die schriftlichen Ueberlieierungen erklärt werden, und alle schriftlichen Ueberlieferungen können ihr keine innere Wahrheit geben, wenn sie keine hat“1. Den Beweis aus Wundern lehnt er ab. ,,Denn wenn kein§ historische Wahrheit demonstriert werden kann, so kann auch nichts durch historische Wahrheit demonstriert werden. Das ist: zufällige Geschichtswahrheiten können der Beweis von notwendigen Vernunftswahrheiten nie werden“2. Desgleichen bekämpft er die christliche Dogmatik, auch wo er einzelnen Inhalten, wie der Trinität, einen neuen metaphysischen Sinn gibt. Ja, er verschmäht es nicht, seinen Gedanken bisweilen einen vorsichtigen exoterischen Ausdruck zu geben, so wenn er in der ״Erziehung des Menschengeschlechts“ die Tatsache der Offenbarung anzuerkennen scheint. In Wirklichkeit will der Vergleich der Offenbarung mit der Erziehung!־auf die immanente Entwicklung der Menschheit von niederen Gottes- Vorstellungen zu geläuterten hinweisen. Diese immanente kausale Geschlossenheit des Geschehens, auch des geschichtlichen Lebens der Menschheit im Verein mit der Abwehr der konfessionellen Begriffe von Gott, seiner Transzendenz, seiner Offenbarung durch Wunder nennt Lessing seinen Spinozismus. Und wirklich unterscheidet er sich in dieser Anschauung von Mendelssohii, der den rationalen Zusammenhang der Wirklichkeit mit Leibniz anerkannte und zugleich die Lockesche Offenbarungslehfe sich zu eigen machte. Und doch hat Mendelssohn recht, wenn er Jacobi gegenüber bestreitet, daß Lessing im strengen Sinne des Wortes Spinozist gewesen sei. Denn für Lessing sind die sittlichen Werte nicht bloß rationale Zwecke des Menschen, sondern Attribute Gottes. Darum sind ihm die Gesetze der Welt nicht bloß notwendig, sondern zugleich weise und gerecht. Darum ist ihm die Geschichte nicht die ewige Wiederkehr des Gleichen, sondern Entwicklung, ״Er-־ Ziehung“ des Menschengeschlechts. Darum stellt die Kunst ein Ganzes dar, ״das Ganze dieses sterblichen. Schöpfers ein Schattenriß von dem Ganzen des ewigen Schöpfers“3. Helligkeit, Ueberzeugungskraft und Tapferkeit ist Lessings Wesen; der Mensch, dem Aufrichtigkeit Grundlage aller menschliehen Beziehungen ist. So schreitet er vom Fundament der .Vernunft aus zur Religion der Vernunft. Diese Religion ist klar, hell und gütig. Wird sie dem Rätsel des Menschenlebens gerecht? Ist sein Naturbegriff, ist seine Vernunftreligion vor Wissenschaft und Religion, Erfahrung und Denken gesichert? Ist die Vernunft der überall gleiche Kern der Menschennatur? Wurzelt die Vernunft in Gott? Umspannt das Naturgesetz Natur und Geschichte? Sind Offenbarung und Vernunft Gegensätze oder ist der Begriff der Offenbarung Fundament aller Religionen, auch der Vernunftreligion? Der intellektuelle und seelische Horizont ist umfassender geworden, 1 Zur Geschichte und Literatur. Aus den Schätzen der her zog!. Bibi, zu Wolfenbüttel. 5. Fragment. , 2 Theolog. Streitschrift: Ueber den Beweis des Geistes und der Kraft. 3 Hamb. Lramat. St. 79.