Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 71 (1927)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1927)
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1927-01-01
- Page
- Seite 77 (sequence 3)
- Language
- German
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77 ein höchst wertvolles Verzeichnis aller verkommenden hebräischen Abkürzungen. Gegenüber dieser Fülle von ausgezeichnetem Material aus allen historischen und sprachlichen Gebieten lohnt sich eine Kritik an Kleinigkeiten nicht. Man muß im Gegenteil von ganzem Herzen dafür dankbar sein, daß Sandor die Herausgabe eines solchen, auch in seiner äußeren Aufmachung vortrefflichen Werkes ermöglicht und daß Wachstein damit eine eigenartige Aufgabe wieder musterhaftgelöst hat. Ein nicht weniger eigenartiges Werk ist die Herausgabe der ersten Statuten des Bethauses in der inneren Stadt zu Wien, die anläßlich seiner Jahrhundertfeier am 1ל. März 1926 vom Vorstand der Wiener Kultusgemeinde veranlaßt wurde. Das Statut mit seinen Unterschriften ist in Faksimile wiedergegeben. Wachstein beschreibt das Statut, seine Urheber, zu denen auch Mannheimer gehörte, und widmet jedem der Unterzeichner eine eingehende biographische Schilderung. Der Tempel in der Innenstadt, berühmt durch die Tätigkeit Mannheimers und Sulzers, sollte den Wienern den ersten modernen Gottesdienst ohne Abstoßung der Vergangenheit bringen. Das. Statut enthält die Leitsätze zu diesem Versuch, dessen Gelingen in erster Reihe jenen beiden Persönlichkeiten zu verdanken war. Es ist so ein historisches Dokument, das sowohl für die äußere Stellung der Wiener Juden jener Tage wie für die inneren Strömungen seine Bedeutung besitzt. Ganz gewiß sind die Unterzeichner von Interesse, die sich aus allen Ständen zusammensetzen und deren Persönlichkeiten im Einzelnen nach zugehen Wachstein fraglos der Allerberufenste war. Die 71 Biographien sind kleine Kabinettstücke wissenschaftlicher Detailarbeit. Das hervorragend ausgestattete Werk gereicht dem Vorstand der Wiener Gemeinde zu Ruhm und Ehre. Freudentlial-Nürnberg. Georg Jacob: Der Einfluß des Morgenlands auf das Abendland vornehmlich während des Mittelalters. Hannover 1924. Orient-Buchhandlung Heinz Lafaire. Das vorliegende Buch ist populär, ein Niederschlag der reichen Belesenheit seines Verfassers und mit einer großen Liebe für das Morgenland geschrieben. Er will beweisen, daß die Kultur Mittel- und Nord-Europas in vieler Beziehung stärker vom Morgenland als von der europäischen Kultur des Mittelmeeres beeinflußt ist. Zum Beweis zieht er in kurzen Strichen .die Herkunft der christlichen Religion, die Erfindung der Buchstabenschrift, die Zahlen Zeichen, die Erfindung der 0 und des x heran. Er versucht nachzuweisen, daß der berühmte pythagoräische Lehrsatz vor der Lebenszeit dieses Philosophen in Indien bekannt gewesen ist. Er weist auf die Form der Wagen, auf den Gebrauch der Taubenpost als Vorgänger der Telegraphie hin; auch die Textilien aus Pflanzenstoffen wie das Papier und das Papiergeld stammen aus Aegypten bzw- China, sowie auch die Erfindung des Buchdrucks. Hierbei unterschätzt er allerdings offenbar, daß die Gutenbergsche Erfindung den Ausschlag für die Schnelligkeit und Verbreitung des Drucks gegeben liat. Auch die Spreng- Stoffe mit Salpeter seien aus dem Orient gebracht wie viele Gegenstände des Kunstgewerbes: Porzellan, Halbseide, Ledereinbände und Papiertapete. Doch geht er m. E. zu weit,, wenn er die Befestigungskunst aus dem Orient ableitet. Sie dürfte wohl auf römischen und byzantinischen Einflüssen beruhen. Auch eine Reihe von Genußmitteln wie Kaffee, Tee, Blumen, Früchte, Gemüse sind bekanntermaßen aus dem Orient gekommen, ferner zahlreiche Brettspiele, vor allen Dingen das Schach. Die Leser dieser Zeitschrift wird es interessieren, daß er für die Entwicklung der Kunst der darstellenden Erzählung dem Pentateueh eine wichtige Rolle zuweist. Er führt aus, wie das Buch Daniel das Vorbild der apokalyptischen Literatur geworden und welchen Einfluß die Psalmen gehabt haben. Daß auch der Minnegesang arabischen Quellen entstammt, eine Ansicht, die mehr und mehr zur Geltung kommt, will er noch nicht zugeben. Das Buch, das, wie erwähnt, für weite Kreise geschrieben ist, empfiehlt sich durch seinen flüssigen Stil und durch die Fülle sprühender Gedanken. M. Sobernheim.