Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 69 (1925)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1925)
- Article
- Zur Geschichte der Juden im christlichen Spanien [Rezension]
- Date
- 1925-01-01
- Page
- Seite 60 (sequence 7)
- Language
- German
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60 ist. S. ‘geM liier von dem bekannten Libro verde de Aragon aus, von dem ihm zwei teilweise überarbeitete Rezensionen vorliegen und dessen Ursprungliehen, historisch zuverlässigen Kern er herauszuschälen weiß1. Aber liauptsächlich beruht seine Darstellung auf einem riesigen archivalischen Material. Wir sind nun nicht mehr auf die unkontrollierbaren Aeußerungen älterer Schriftsteller angewiesen, sondern sehen eine Anzahl ,,Marranen“ in festen äußeren Umrissen vor uns. Das ist wertvoller Stoff zu einer Analyse dieses Typus ,,bekehrter“ Juden (Gonversos), die doch einmal unternommen werden muß, wenn es auch nicht die nächstliegende Aufgabe sein kann. Die Väter dieser Männer sind alle am Anfang des 15. Jahrhunderts unter dem Eindruck der Katastrophe von 1391, die ein Fingerzeig Gottes zu sein schien, noch mehr aber unter dem Einfluß der Disputation von Tortosa und der Predigten des Vincenz Ferrer zum Christentum übergetreten. Azarias Chinillo, Sprößling einer alten jüdischen Familie, reicher Tuchhändler, erscheint 1415 getauft mit dem Namen Luis de Santangei2. Juan Sanchez de Galatayud, der Oheim des späteren Schatzmeisters, hat nicht lange vor 1402 den Christliehen Namen angenommen. Die Mitglieder der Familie Caballeria ließen sich, wie verschiedene andere angesehene Juden in Saragossa, 1413 während der Disputation von Tortosa taufen. Ueber die bedeutende Stellung dieser Marranen im öffentlichen Leben erzählt S. viel Interessantes; so ist es merkwürdig, mit welcher Schnelligkeit sie sich ganz neuen geistigen Aufgaben zuwandten; ihre Neigung zum juristisehen Studium hebt S. wohl mit besonderem Recht hervor. Unser Auge richtet sich aber zunächst auf die Bande, die sie noch mit dem Judentum verknüpften. Daß diese nicht so schnell rissen, ja sogar häufig bald wieder fester wurden, weiß man ja aus der Ueberlieferung, aus einigen Andeutungen in der hebräischen Literatur, aus der antisemitischen Satire und aus den nach dieser Hinsicht lange nicht genug studierten Inquisitionsakten. Aber die Urkunden zeigen die Menschen deutlicher, ohne Schleier und ohne den Affekt des Berichterstatters. Man sieht aus ihnen, daß weder die geschäftliehen noch die verwandtschaftlichen Beziehungen zwischen den Juden und den neuen Christen immer gelöst wurden. (Beispiele S. 50, 5ל n. 1,153 n. 3 u. ö.) Am 22. VI. 1414 wird dem abtrünnigen Gonzalo de la Caballeria, vielleicht demselben, an den noch Bonfed Verse richtete3, von der jüdischen Gemeinde in Saragossa ein Gehalt gezahlt für eine Gesandtschaft, die er an den Papst in Rom im Interesse der Gemeinde übernahm (S. 31). Es muß sich wohl um eine Aktion gegen den Gegenpapst Benedikt und die von ihm inszenierte große Disputation gehandelt haben. Interessant ist besonders das Testament der Witwe des alten Benveniste de la Caballeria vom J. 1443 (S. 186). Sie stiftet ein frommes Legat, das der nächste Verwandte vom Zweige der Gaballeria oder, wenn kein Jude dieses Namens existiert, der nächste jüdische Verwandte verwalten soll. Wenn die jüdische Gemeinde in Saragossa ,,aus irgend einem Grund vernichtet oder entvölkert wird oder die Religion wechselt“, soll die Stiftung der größten jüdischen Gemeinde des Reichs zufallen. Zum Schluß folgen die Erbteile, die die Kinder der Witwe erhalten; vier davon tragen christliche Namen, zwei Töchter jüdische und den Zusatz ,,Jüdinnen“•. Zwei jüdische Zeugen unterzeichnen. Daß man für diese seltsamen Ver- Wicklungen und Widersprüche noch ganz andere als materielle Motive aufzusuchen hat, muß man dem Autor dieses Buches und wohl auch jüdischen Beurteile™ entgegenhalten. Wir haben es mit einem von religiösen Suggestionen und Kämpfen durchwühlten Zeitalter zu tun. 1 Vgl. auch Serrano, El Image hebraico de la Caballeria segun el ,,Libro verde de Aragon“ y otros documentos in Boletin de la r. Academia de la historia. Bd. 1918) 3ל), S. 160 f. 2 Sein Vater Don Noha Chinillo scheint kurz vor dem Uebertritt seiner Söhne gestorben zu sein (Serrano S. 4ל n. 2). Wahrscheinlich ist er identisch mit dem דון נח, dessen Söhnen Salomo de Piera anläßlich des Todes ihres Vaters ein Trostgedicht schickte. (Der sonst nicht sehr gebräuchliche Name Noa war in dieser Familie heimisch.) Die Verse rühmen die Mildtätigkeit des Verstorbenen, sind sonst ziemlich nichtssagend, zeigen aber doch, daß die Familie unter den Juden recht angesehen war. Vgl. God. des Sal. de Piera, Berliner Staatsbibi. f. 50 v. 3 H. B. 164 ,3־.