Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 69 (1925)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1925)
- Article
- Alchemie und Kabbala
- Date
- 1925-01-01
- Page
- Seite 13 (sequence 1)
- Language
- German
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13 Alchemie und Kabbala. Ein Kapitel aus'der Geschichte der Mystik. Von Dr. ,G e rh ar d S ch 01 e m in Jerusalem.! ‘ ' I. Seit die europäische Welt am Ausgang des Mittelalters mit *der jüdischen Mystik, der Kabbala, bekannt wurde, hat sie im Lauf der Jahrhunderte die mannigfachsten Vorstellungen mit diesem Komplex ,,Kabbala'f verbunden. Der Name der geheimnisvollen Disziplin, welche ihre ersten christlichen Vermittler als die Hüterin der ältesten und höchsten Mysterienweisheit der Menschheit erklärten und verehrten, wurde ein beliebtes Schlagwort in allen okkultistisch interessierten Kreisen der Renaissance weit. Er wurde eine Art Flagge, unter der — da Kontrolle von den paar wirklich Kabbalakundigen nicht zu befürchten war — dem. Publikum so ungefähr alles angeboten werden konnte: von schwach judaisierenden Meditationen tiefer *christlicher Mystiker bis zu den letzten Jahrmarktsprodukten der Geomantie und Kartenwahrsagerei. Der Name Kabbala, ehrfurchtsvolle Schauer erregend, deckte alles. Auch die fremdesten Elemente •abendländischer Folklore, auch die in irgendeinem Sinn okkultistisch gerichteten Naturwissenschaften der Zeit, wie Astrologie, Alchemie und Naturmagie, wurden ,,Kabbala“. Und diesen schweren Ballast, der ihren eigenen Inhalt zuzeiten völlig verdeckt hat, führt die Kabbala in der opinio communis bis heute noch mit sich, bei Laien und theosophischen Adepten1, im Sprachgebrauch der europäischen Schriftsteller und Gelehrten. Ein großer Teil der Schriften, auf deren Titelblatt das Wort Cabbala prangt, hat — was ich bei der Zusammenstellung einer Bibliographie der wirklich. die Kabbala behandelnden Schriften als schwere Hemmung erfuhr :— gar nichts oder so gut wie gar nichts mit ihr zu tun. Es bleibt wichtig, im Interesse der lange vernachlässigten Erforschung der mystischem Entwicklungen innerhalb des Judentums diejenigen Elemente, die wirklich historisch der Kabbala angehören, von denen zu scheiden, die nur durch eine außerhalb des Judentums verlaufende Ent- Wicklung mit ihr verwirrt worden sind. Hierher gehört mit in erster Linie die Beantwortung der Frage: Was hat die Kabbala mit der Alchemie zu tun? Denn seit 4Q0 Jahren sind für die christlichen Mystiker und Alchemisten Europas Alchemie und Kabbala allmählich synonyme Begriffe geworden, und man möchte vermuten, daß hier starke gegenseitige innere Berührungen bestehen. Wie wenig dies in der Tat der Fall ist, und wie sehr die abendländische Welt sich jahrhundertelang hat mystifizieren lassen, als sie den Ver- Sicherungen des Paracelsus2 und anderer, die aus ,.kabbalistischen 1 Insbesondere haben noch im 19. Jahrhundert die französischen Theosophen der martinistischen Schule (Eliphas Levy, Papus und viele andere) das Menschenmögliche an allgemeiner Konfusion aller okkulten Disziplinen mit der ״sainte Kabbale“ geleistet. 2 In ״de tinctura physicorum“, zitiert bei Hermann K 0 p p , die Alchemie in älterer und neuerer Zeit, Heidelberg 1886, II, p. 229. Kopp ist der einzige Forscher, der die Beziehungen zwischen Alchemie und Kabbala in seinem Werke behandelt hat (II, p. 228—46), freilich nur vom Standpunkte