Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 69 (1925)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1925)
- Article
- Aus der neuesten bibelwissenschaftlichen Literatur
- Date
- 1925-01-01
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
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zusammenfallen. Wir verstehen darum nicht recht den Sinn der in der Einleitung berührten Unterscheidung von europäischem und semitischem Geist, wonach jener es nie unterlassen hat, die Wirklichkeit des Gotterlebens vor dem Denken zu rechtfertigen״ während dieser sich mit dem Haben des Inhalts zufrieden gegeben/ Denn diesem gewiß mit Recht angeführten Unterschied entquillt ja gerade die Richtung des ,,semitischen“ Geistes auf das Religiöse״ dessen Charakter Leben, Gewißheit des Lebens in Gott ist, während die Berufung aufs Denken, kritische Beleuchtung des gehabten Inhalts Wissenschaft, Religionsphilosophie, Weltanschauung sein, mag, mit jenem Seelenzustande aber nichts zu schaffen hat. > Wie der Verfasser sich seinen Weg denkt, sagt er am deutliebsten in dem Kapitel über die Vision, wo er es als eine Aufgabe anerkennt, festzustellen, ob die Propheten sich selbst des merk־ würdigen Phänomens bewußt sind, das wir mit Halluzination bezeichnen. Das gleiche gilt natürlich ebenso für die andern Kategorien der von der normalen abweichenden seelischen Tätigkeit״ von den Besonderheiten der Halluzination, wie sie in den Visionen und Auditionen entgegentreten, von den ,,inneren“ Wahrnehmungen des Sehens und Hörens, dem Nachtgesicht, dem Traum. Wo für die psychologische Auffassung als die letzte Instanz die Innerlichkeit des Erleuchteten als Ursprungsort der. Offenbarung übrig bleibt, ist für diesen selbst —־ daher sein Kampf gegen die ״falschen Propheten“ — Gott als die objektive Quelle seiner Erfahrungen außer .-Zweifel. Das schließt nicht aus, daß die Wege, auf denen diese Erkenntnis der auserwählten Persönlichkeit zuströmt, mannigfach sind, und zum Teil auch in ihrer Gesondertheit von ihr selbst erfühlt werden. Diese Mannigfaltigkeiten im Offenbarungsbewußtsein zu isolieren und zu schildern, unternimmt das Buch. Wir gestehen ihm zu, daß die wirklichen Tönungen der Offenbarungserkenntnis, /der wirklichen — von einem unmittelbaren Objekt bewirkten —, der halluzinatorischen, der inneren, der nächtlichen Wahrnehmung usw. tatsächlich in prophetischen Erlebnissen Vorkommen; aber wir meinen, für die ־ Beurteilung der konkreten Phänomene und für die Zuweisung des einen oder andern von ihnen in diese oder jene Bewußtseinsgruppe bildet die literarische Formulierung im Bibeltext doch ein recht schwankendes Fundament. Wir denken dabei natürlieh nicht an das Schicksal des Textes von seiner erstmaligen Niederschrift bis zu den ältesten uns überkommenen Handschriften. Uns schwebt vielmehr der Weg vor, den auch der unbezweifelbar ,,echte“ Text vom geheimnisvollen Erleben der Offenbarung in der prophetisehen Seele bis zur Niederschrift selbst durch die eigene Hand des Erleuchteten zurückgelegt haben muß. Man hat doch in Betracht zu ziöhen, daß es den prophetischen Autoren auf den Inhalt ihrer Buß- oder Drohreden, nicht auf die Verdeutlichung ihres Offenbarungsbewußtseins ankommt, So würden wir gewünscht haben, daß diese im übrigen so umsichtige und aufschlußreiche Arbeit doch auch die prinzipielle Untersuchung angestellt hätte, wie wir uns eigentlich die Formulierung des prophetischen Erlebens durch den längst in die ״natürliche“ Bewußtseinssphäre zurückgekehrten Propheten zu denken haben. (Ein zweiter Aufsatz folgt.)